Geschichtsverfälschung „für den guten Zweck“?




Wer unsere Arbeit schon länger verfolgt, weiß, dass wir noch nie einen Hehl daraus gemacht haben, wo wir politisch und gesellschaftlich stehen.

In sofern ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass wir laut und deutlich Kritik üben und widersprechen, wenn die Vergangenheit verzerrt und verfälscht wird, um rassistische, nationalistische, sexistische oder sonstwie rechtsextreme Weltbilder und Ansichten zu bestätigen.

Wenn etwa die für die SS-Kultstätte auf der Wewelsburg entworfene „schwarze Sonne“ zu einem uralten heiligen Symbol der heidnischen Germanen erklärt wird, wenn Leute die Existenz der Slawen als eigene ethnische und kulturelle Gruppe leugnen und sie stattdessen zu Ostgermanen erklären, eine AfD-Facebookseite erzählt, die Gotik sei eine deutsche Erfindung gewesen oder wenn aus der Himmelsscheibe von Nebra ein Relikt eines bronzezeitlichen germanischen Großreiches mit durchgehender kultureller Kontinuität zu den von Cäsar im ersten vorchristlichen Jahrhundert beschriebenen Germanen gemacht wird.

Aber leider ist ideologisch motivierte Geschichtsverfälschung kein Monopol von Rechtsextremen, Reaktionären und esoterischen Schwurblern.

Es gibt durchaus auch jede Menge wissenschaftlich nicht haltbarer Behauptungen über die Vergangenheit, die aufgestellt wurden, um Weltanschauungen, Werten und Überzeugungen eine pseudohistorische Legitimation zu verleihen, die wir eigentlich teilen und gutheißen.

Etwa, indem aus einem wikingerzeitlichen skandinavischen Frauengrab mit Waffenbeigaben gefolgert wird, „Wikingerfrauen“ seien komplett gleichberechtigt gewesen und hätten problemlos „Kriegerinnen“ sein können, bis das Christentum kam und die Frauen unterdrückte.
Oder wenn für das Mittelalter aus Heiligen, die mit dunkler Hautfarbe dargestellt wurden, sowie Belegen für garnicht so kleine Minderheiten dunkelhäutiger Menschen in den großen Handelszentren der europäischen Mittelmeerküste abgeleitet wird, dunkelhäutige Menschen hätten beispielsweise im angelsächsischen England oder im ländlichen Böhmen um 1400 einen großen Teil der Bevölkerung ausgemacht und seien deshalb ein völlig alltäglicher Anblick gewesen.
Ganz zu schweigen von all den Mythen über angebliche Verbrechen der katholischen Kirche.

Diesen unwissenschaftlichen Behauptungen zu widersprechen, bringt leider immer das Risiko mit sich, so zu wirken (oder zumindest so interpretiert zu werden…), als wolle man gleichzeitig auch die Werte und Überzeugungen ablehnen, in deren (vermeintlichem) Interesse die Behauptungen gemacht und verbreitet werden.
So riskiert man, von anderen Progressiven als Sexist, Rassist oder katholischer Fanatiker wahrgenommen und beschimpft zu werden, der diesen Behauptungen nur deshalb widerspricht, weil sie nicht in seine reaktionäre Weltsicht passen.
Und ebenso riskiert man, Beifall und Zustimmung von Menschen zu bekommen, bei denen dieser Vorwurf tatsächlich zutrifft.

Ich bin absolut der Ansicht, dass Frauen die selben Rechte und Möglichkeiten haben sollten, wie Männer.
Ich bin für eine multikulturelle und multiethnische Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Kultur oder Religion willkommen sind.
Und ich bin als Atheist sehr für eine strikte Trennung von Kirche und Staat, Religion und Gesetzen.

Und trotzdem widerspreche ich unwissenschaftlichen Behauptungen über die Geschichte, die diese meine Überzeugungen bestätigen sollen genauso, wie ich es bei unwissenschaftlichen Behauptungen tun würde, die dazu dienen, Überzeugungen, Welt- und Feindbilder zu bestätigen, die ich zutiefst ablehne.

Da das bei vielen Menschen scheinbar ehrliches Unverständnis auslöst, möchte ich an dieser Stelle einmal die wichtigsten Gründe vorstellen, warum ich so handle:


-Zum Ersten ist Geschichte einfach nicht dafür da, sie als reine Leinwand zu missbrauchen, auf die wir unsere modernen Ansichten und Weltanschauungen übertragen können, um ihnen so mehr Gewicht zu verleihen.
Selbstverständlich kann und soll man etwas aus der Geschichte lernen, aber dann bitte aus dem, was (mit für den Moment größter Wahrscheinlichkeit, basierend auf den aktuell verfügbaren Quellen) tatsächlich passiert ist. Mit all seinen komplizierten Facetten und Grautönen.
Hier spricht vor Allem der wissenschaftliche Ethos, dass sich unsere Überzeugungen den Tatsachen anpassen sollten und nicht anders herum.

-Zum Zweiten berauben wir uns selbst der Möglichkeit, wertvolle Lektionen aus der realen Geschichte zu lernen, wenn wir stattdessen einem pseudowissenschaftlichen Geschichtsbild den Vorzug geben, das unsere moderne Weltsicht bestätigt.
Wenn ich beispielsweise die Hexenvefolgung als die gezielte Ermordung weiser, heilkundiger Frauen durch die wissenschafts- und frauenfeindliche Kirche darstelle, bestätigt mich das zwar in meiner modernen Abneigung gegen die Organisation Kirche und ist eine nützliche Fabel gegen Wissenschafts- und Frauenfeindlichkeit im Namen der Religion…
Aber gleichzeitig nehme ich mir so die Chance, den realen Ablauf der Verfolgungen und vor Allem die komplexen Faktoren zu verstehen, die tatsächlich zum Hexenwahn der frühen Neuzeit führten, und so vielleicht ähnliche Faktoren, die heute eine ähnliche Verfolgungswelle begünstigen könnten, frühzeitig zu erkennen und vielleicht sogar Gegenmaßnahmen zu treffen.

-Zum Dritten sollte eine Ansicht, von der ich tatsächlich Überzeugt bin, es schlicht und ergreifend nicht nötig haben, dass man sie mit Lügen und Halbwahrheiten begründet und rechtfertigt.
Wenn ich überzeugt bin, dass etwas wahr, gut und richtig ist, dann muss ich auch überzeugt sein, dass es mehr als genug echte Argumente und Belege dafür gibt und ich keine zusätzlichen erfinden muss.
Es gibt eine Menge verdammt gute Gründe, gegen Sexismus, gegen Rassismus und gegen religiösen Fundamentalismus zu sein, ohne dass man dafür pseudohistorische Märchen erfinden muss.
Wie ein geschätzter Freund und Kollege es einmal so treffend gesagt hat:
„Wir sollten das Richtige nicht deshalb tun, weil irgendeine vergangene Kultur, die wir cool finden, das auch schon getan hat, sondern wir sollten es tun, weil es richtig ist.“

-Zum Vierten und Letzten kommt das meiner Ansicht nach wichtigste Argument:
Man erweist der Sache, für die man einstehen möchte, einen Bärendienst, wenn man zu ihrer Rechtfertigung und Begründung unwahre oder unfundierte Behauptungen aufstellt.

Der Kirchenvater Augustinus schrieb über Christen, welche die naturphilosophischen Erkenntnisse ihrer Zeit zugunsten einer wortwörtlichen Auslegung der Bibel ablehnten:

„Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf den Kopf stellen, sodass der andre kaum sein Lachen zurückhalten kann. Dass ein solcher Ignorant Spott erntet, ist nicht das Schlimmste, sondern dass von Draußenstehenden geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht. Gerade sie, um deren Heil wir uns mühen, tragen den größten Schaden, wenn sie unsere Gottesmänner daraufhin als Ungelehrte verachten und zurückweisen. Denn wenn sie einen von uns Christen auf einem Gebiet, das sie genau kennen, bei einem Irrtum ertappen und merken, wie er seinen Unsinn mit unseren Büchern belegen will, wie sollen sie dann jemals diesen Büchern die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf das ewige Leben und das Himmelreich glauben, da sie das für falsch halten müssen, was diese Bücher geschrieben haben über Dinge, die sie selbst erfahren haben und als unzweifelhaft erkennen konnten.“

Grob übersetzt heißt das soviel wie „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht.“

Wenn ich eine gute Sache mit Argumenten und Belegen unterfüttere, die sich bei einer kritischen Überprüfung als unwahr oder unfundiert herausstellen, sorge ich damit dafür, dass auch die tatsächlich fundierten und zutreffenden Argumente und Belege für diese gute Sache nicht mehr geglaubt und ernst genommen werden und dass anderen, die für dieselbe gute Sache einstehen wollen, Misstrauen und Spott entgegenschlägt.

Deshalb:
Wenn wir un- und halbwahren Behauptungen über die Geschichte widersprechen, die progressive Werte und Überzeugungen bestätigen und belegen sollen, dann tun wir das nicht OBWOHL wir diese Werte und Überzeugungen selbst teilen, sondern gerade WEILwir nicht wollen, dass diesen unseren Werten und Überzeugungen dadurch geschadet wird.


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