Tierprozesse im Mittelalter – Zeichen von Grausamkeit und Dummheit?

Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit gab es im europäischen Rechtswesen eine Besonderheit, die auf heutige Menschen meist seltsam bis verstörend wirkt:
Die sogenannten Tierprozesse.

In diesen Verfahren wurde Tieren, die Menschen geschadet hatten (sei es durch direkte Angriffe auf Menschen oder durch die Beschädigung von Eigentum, insbesondere die Schädigung von Ernten) vor Gericht ein Prozess gemacht, der ziemlich genau so ablief, wie die zeitgenössischen Prozesse gegen Menschen.

Für Tiere, die Menschen direkt angegriffen, verletzt oder getötet hatten, war dabei die weltliche Gerichtsbarkeit zuständig, für Schädlinge, die beispielsweise Felder leerfraßen oder Infrastruktur beschädigten, die kirchliche Justiz.

Die Tiere wurden hierbei formell vor Gericht geladen und erhielten einen Verteidiger, der ihre Position im Prozess vertrat.
Tiere, die Menschen verstümmelt oder getötet hatten, wurden zum Tode durch Erhängen, Verbrennen oder diverse andere Hinrichtungsarten verurteilt.
Schädlingen wurde oft zunächst vom Gericht befohlen, ihr schädliches Verhalten bis zu einer bestimmten Frist zu beenden und das Gebiet, in dem sie zur Zeit Schaden verursachten, zu verlassen.
Erst, wenn sie dieser Anweisung nicht nachkamen, wurden sie exkommuniziert und zur Tötung freigegeben.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Prozess, der 1320 in Avignon gegen Maikäferlarven (Engerlinge) durchgeführt wurde, die die Ernte fraßen.
Die Zeitschrift Prometheus (Nr. 168 bis 169 vom Jahrgang 1898) fasst diesen Prozess folgendermaßen zusammen:
„Zwei Erzpriester begaben sich im vollen Ornat auf die befallenen Grundstücke, zitierten alle die unmündigen Maikäfer, die Engerlinge sind die Hauptübeltäter, im Namen des geistlichen Gerichtes vor den Bischof und drohten im Falle des Nichterscheinens mit dem Kirchenbann. Zugleich wurden sie durch Anschlagen des Aufrufes auf vier, nach allen Himmelsrichtungen gerichteten Tafeln benachrichtigt, dass ihnen in der Person des Prokuratoren ein gerichtlicher Beistand und Verteidiger ordnungsgemäß bestellt sei. Letzterer betonte denn auch im Namen seiner nicht erschienenen Klienten bei der gerichtlichen Verhandlung, dass sie gleich jeder anderen gotterschaffenen Kreatur ihr Recht beanspruchen müssten, ihre Nahrung zu suchen, wo sie diese finden, und entschuldigte ihr Ausbleiben damit, dass man vergessen habe, ihnen, wie üblich, freies Geleit zur Gerichtsstätte und zurück zuzusichern. Das Urteil lautete dahin, dass sie sich binnen drei Tagen auf ein ihnen mit Tafeln gekennzeichnetes Gebiet zurückzuziehen hätten, wo Nahrung genug für sie vorhanden sei, und dass die Zuwiderhandelnden als vogelfrei behandelt und ausgerottet werden sollten“.

Quellen für diese Prozesse gibt es vor Allem aus Frankreich und der Schweiz, in deutlich geringerer Zahl auch aus England.
Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland ist der früheste Tierprozess um 1582 im Herzogtum Jülich erwähnt, wo ein Schwein für die Tötung eines Kindes zum Tode verurteilt wurde.

Wie verbreitet sie tatsächlich waren, ist in der heutigen Forschung extrem umstritten. Einige zweifeln sogar an, dass es sie überhaupt je real gab und halten sie für reine Anekdoten. Eine andere These ist die, dass Tierprozesse abgehalten wurden, um jungen unerfahrenen Juristen die Chance zu geben, erste praktische Erfahrungen zu sammeln, bevor man sie auf Menschen loslassen konnte.
Die verbreitetste Annahme ist aber die, dass diese Prozesse tatsächlich stattfanden und auch durchaus ernst gemeint waren, wenn auch unklar ist, wie häufig sie vorkamen.

Das eigentliche Kernthema dieses Beitrages sollen aber gar nicht so sehr die nüchternen Tatsachen dieser Praxis sein, sondern ihre – aus meiner Sicht – etwas seltsame heutige Bewertung:
Hören oder lesen heutige Menschen von den Tierprozessen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, so ist ihre Reaktion meist eine Mischung aus Spott und Fassungslosigkeit darüber „wie dumm die Leute doch früher waren“ und angewiderter Ergriffenheit ob der Grausamkeit und der „armen Tiere“.

Was diese Menschen dabei scheinbar vergessen:
Tiere, die Menschen angreifen, verletzen oder töten, sowie Tiere, die als Schädlinge für die Landwirtschaft oder für die Infrastruktur eingestuft werden, werden bis heute getötet.
Sei es der Hund, der eingeschläfert werden muss, nachdem er ein Nachbarskind gebissen hat, sei es der „Problembär“, der zum Abschuss freigegeben wird, weil die Bauern um ihre Nutztiere bangen.

Egal, wie man zu dieser heutigen Praxis steht: Es ist widersinnig und heuchlerisch, eine vergangene Epoche wegen etwas zu verurteilen, was wir heute immer noch in einem mindestens ebenso großen Ausmaß tun.

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Kommen wir also vom Thema Grausamkeit zum Thema Dummheit:

Haben die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Tiere vor Gericht gestellt, weil sie zu dumm waren, um zu realisieren, dass Tiere kein Bewusstsein für Recht und Unrecht nach menschlichem Verständnis haben und damit nicht schuldfähig sind?

Ich möchte eine andere mögliche Interpretation dieser Praxis vorschlagen:

Nach christlicher Vorstellung hatte Gott den Menschen befohlen, „sich die Tiere des Landes, der Luft und des Wassers Untertan zu machen“.
Im mittelalterlichen Verständnis von Herrschaft hatten aber nicht nur die Beherrschten Pflichten gegenüber ihren Herrschern, sondern auch Machthaber hatten Pflichten gegenüber ihren Untergebenen.
Eine der wichtigsten dieser Pflichten war die, gerecht zu Urteilen und die Rechte aller gleichermaßen zu achten und zu schützen. Denn als Teil der göttlichen Schöpfung ist alles Leben heilig.

Auch heute noch wird, wenn Tiere Schaden anrichten oder eine Gefahr darstellen, das Recht der Tiere auf Existenz gegen die Rechte und Interessen der Allgemeinheit und der Betroffenen Menschen abgewogen, bevor die Tiere zur Tötung oder Umsiedlung freigegeben werden können.

Möglicherweise geschah im Mittelalter und der frühen Neuzeit genau diese Güterabwägung eben in den Tierprozessen, anstatt wie Heute in einer Anhörung von Experten, Tierschutz-, Wirtschafts- und sonstigen Interessensverbänden?

Es war fester Bestandteil des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Weltbildes, dass Tiere im Gegensatz zum Menschen keine Vernunft besäßen, sich also auch nicht selbst vor einem Gericht verteidigen konnten, also stellte man ihnen einen Fürsprecher zur Seite, der die aus Sicht der Menschen völlig berechtigten Interessen und Rechte der Tiere vertrat und zu wahren suchte.

Man ging selbstverständlich nicht wirklich davon aus, dass ein angeklagtes Tier Einsicht zeigen, seine Schuld eingestehen und sein Verhalten ändern würde, aber man war der Ansicht, dass es trotzdem, genau wie ein Mensch, ein Recht auf einen fairen Prozess hatte, bevor man es einfach tötete.
Auch und gerade, wenn allen Beteiligten klar war, dass es sich bei diesem Prozess nur um eine reine Formalität handelte.

Tierprozesse wären demnach kein Zeichen von Dummheit und Grausamkeit der damaligen Menschen, sondern im Gegenteil ein Zeichen von Respekt und Achtung vor allen Lebewesen, inklusive Tieren.

Ich kann diese Interpretation nicht beweisen, sie ist reine Spekulation.
Wir haben zu wenig Quellen über das Phänomen der Tierprozesse, um wirklich sichere Aussagen dazu treffen zu können, warum sie durchgeführt wurden und was sich die Verantwortlichen dabei dachten.

Aber die von mir vorgeschlagene Interpretation passt in das Weltbild, die Rechtsvorstellungen und die Theologie des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit.
Und zumindest mag sie zeigen, dass nicht alles, was uns an vergangenen Kulturen auf den ersten Blick dumm und barbarisch erscheint, unbedingt auch dumm und barbarisch sein muss.
Meist gibt es mindestens ebenso valide Erklärungsmöglichkeiten, die ein wesentlich positiveres Bild zeichnen.

Vielleicht sollten wir es bei der Betrachtung und vor Allem der Bewertung vergangener (und allgemein fremder) Kulturen daher häufiger mit einem Grundsatz halten, der ebenfalls im Mittelalter Einzug in die europäische Rechtsprechung fand:

„In dubio pro reo.“

Ein Gedanke zu “Tierprozesse im Mittelalter – Zeichen von Grausamkeit und Dummheit?

  1. Ich musste beim Thema Tierprozesse an die Fälle denken in den Tiere in Kriegen für besondere Tapferkeit mit Orden geehrt wurden.
    Sehe da einige Parallelen.

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