„Kinder ihrer Zeit“ – Können wir aus unserer heutigen Sicht über die Vergangenheit urteilen?




Eine der Aussagen, die bei der Beschäftigung mit geschichtlichen Themen sehr häufig fallen, ist die, dass man historische Personen und historische Vorgänge ja nicht nach unseren heutigen Maßstäben von gut und böse, richtig und falsch, gerecht und ungerecht beurteilen könnte.

Man müsse Dinge, die aus heutiger Sicht verdammenswert, ungerecht und oft schlicht und ergreifend böse wirken, stattdessen nach den Maßstäben der damaligen Gesellschaft bewerten und feststellen, ob sie nach den damals vorherrschenden Vorstellungen von Ethik und Gerechtigkeit als gut oder schlecht einzuschätzen sind.

Insbesondere bei Themen wie Sklaverei, Eroberungskriegen, Niederschlagung von Rebellionen, Sexismus und Rassismus wird immer wieder betont, dass diese Dinge zu der Zeit, da sie geschahen, ja völlig normal und nach dem Rechtsverständnis der Zeit völlig akzeptabel gewesen seien, wir also heute nicht aus unserer modernen Sicht darüber urteilen dürften.

Und grundsätzlich ist diese Aussage auch garnicht komplett falsch.
Wir ordnen selbst regelmäßig historische Ereignisse und die Taten historischer Personen und Institutionen in den historischen Kontext ein, in dem sie passiert sind, um sie besser erklären zu können.

Aber gleichzeitig ist die Frage „Kann ich historische Personen und Ereignisse als moderner Mensch überhaupt bewerten und beurteilen?“ entschieden zu komplex und vielschichtig für eine simple Ja/Nein Antwort.

Ich will diese Frage im Folgenden also nacheinander aus mehreren Blickwinkeln betrachten:

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„Trennung zwischen Handlung und Handelnden“

Zunächst einmal müssen wir uns klarmachen, dass ein Beurteilen/Bewerten dessen, was historische Personen getan haben, und ein Beurteilen/Bewerten der Personen selbst zwei sehr verschiedene Dinge sind.

Ich kann argumentieren, dass ein Adliger, der seinem Nachbarn aufgrund einer realen oder empfundenen Ehr- oder Rechtsverletzung die Fehde erklärt (und damit Leid und Todesopfer seitens der an der Fehde beteiligten Kombatanten und der betroffenen Zivilbevölkerung billigend in Kauf nimmt), absolut im Rahmen der Wertvorstellungen und des Rechtsverständnisses seiner Zeit handelt.
Dass sein Verhalten nach den gesellschaftlichen Normen und dem Gerechtigkeitsempfinden, mit denen er aufgewachsen ist und innerhalb derer er lebt, völlig normal und akzeptiert ist und er damit überhaupt keinen Anlass hat, sein Tun als Unrecht wahrzunehmen.
Dass es also zu einfach ist, diesen Adligen als bösartigen Mörder und Kriegstreiber zu verurteilen, auch wenn sein Verhalten aus heutiger Sicht absolut verurteilenswert ist.

Ich kann aber trotzdem gleichzeitig Angriffskriege und allgemein Gewalt als Mittel der durchsetzung politischer Ziele verurteilen.
Dass ein bestimmtes Handeln zu einer bestimmten Zeit gesellschaftlich akzeptiert und gesetzlich zulässig war, ändert nichts daran, dass es trotzdem Unrecht war und ist.

Umstände, die die Schuld der Täter verringern, rehtfertigen noch lange nicht die Tat.

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„War es wirklich allgemein akzeptiert?“

Dr. Eleanor Janega, ihres Zeichens Historikerin und Betreiberin des großartigen Blogs „going-medieval.com“, hat es einmal perfekt ausgedrückt:

„Wenn ich Sklaverei in vergangenen Zeiten damit zu rechtfertigen Versuche, dass ich sage ‚Kein Mensch damals empfand Sklaverei als Unrecht‘, dann sage ich damit gleichzeitig, dass ich die Sklaven dieser Zeit nicht als Menschen sehe. Denn die empfenden ihre Versklavung definitiv als Unrecht.“

Viele Dinge, die in einer Gesellschaft alltäglich, weit Verbreitet und eventuell sogar per Gesetz abgesegnet sind, werden trotzdem von einem großen Teil dieser Gesellschaft als Unrecht wahrgenommen.
Das gilt für unsere heutige Zeit genauso, wie für vergangene Kulturen.

Christine de Pizan schrieb im 14ten Jahrhundert eine schneidende Kritik am Bild ihrer Zeit von Frauen als „minderwertigen“ Wesen und der Anfang des 13ten Jahrhunderts geschriebene Sachsenspiegel beginnt damit, dass sein Autor sämtliche biblischen und historischen Rechtfertigungen für Leibeigenschaft und Unfreiheit, die zu seiner Zeit häufig vorgebracht wurden, eine nach der anderen zu widerlegen und schließlich zu urteilen: „Unfreiheit entstand durch Gewalt und Unrecht und wurde durch Gewohnheit zu Gesetz.“

Dass etwas zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft weit verbreitet war, bedeutet also nicht automatisch gleichzeitig, dass ein Mensch aus dieser Zeit und dieser Gesellschaft sich nicht bewusst war und garnicht bewusst sein konnte, dass es sich dabei um Unrecht handelte.

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„Wirklich typische Kinder ihrer Zeit?“

Bei einigen Personen, deren Handlungen damit gerechtfertigt werden, sie seien doch nur „Kinder ihrer Zeit“ gewesen und hätten sich in ihren Ansichten und ihrem Handeln nicht wirklich von dem unterschieden, was zu ihrer Zeit normal, allgemein üblich und gesellschaftlich akzeptiert war, ist diese Behauptung schlicht falsch.

Ein besonders skurriles Beispiel dafür ist Martin Luther, dessen Frauen- und Judenfeindlichkeit (neben anderen ebenfalls nicht unbedingt sympatischen Eigenschaften und Ansichten) häufig mit ebendiesem Argument verteidigt wird.

Luther war ja als Reformator eben ausdrücklich jemand, der gegen die Normen und Konventionen seiner Zeit aufbegehrte und sie zu ändern versuchte. Und eben NICHT jemand, dessen Ansichten dem entsprachen, was zu seiner Zeit allgemein üblich und akzeptiert war!

Frauen waren zu Luthers Zeit alles andere als Gleichberechtigt und tatsächlich führten verschiedene wirtschaftliche und politische Faktoren zu seiner Zeit gerade dazu, dass sich ihre Rechtslage und ihr gesellschaftlicher Status im Vergleich zum vorangegangenen Spätmittelalter drastisch zu verschlechtern begannen.
Auch Juden waren zu dieser Zeit gegenüber Christen auf vielerlei Art benachteiligt und teilweise auch direkter Verfolgung ausgesetzt.

Dennoch gingen Luthers diskriminierende Ansichten Frauen und Juden betreffend weit über das hinaus, was zu seiner Zeit normal war.

Die beste Quelle dazu ist er selbst:
In seinen Veröffentlichungen kritisierte er immer wieder, dass Frauen in der Gesellschaft, in der er lebte, immer noch viel zu viele Rechte und Freiheiten hätten, anstatt als Hausfrau und Mutter dem Manne untertan zu sein, wie die Bibel es vorschrieb.
Ebenso forderte er ein sehr viel härteres Vorgehen gegen die Juden.

Wären Luthers Ansichten zu seiner Zeit allgemeiner Konsens gewesen, hätten diese Forderungen und diese Kritik keinen Sinn ergeben.

Also:
Bevor wir das Verhalten und die Ansichten einer historischen Person mit dem „Kind seiner Zeit“-Argument verteidigt, sollte man prüfen, ob besagte Dinge zu ihrer Zeit wirklich normal und allgemein akzeptiert waren.

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„Verstehen ist nicht Rechtfertigen“

Nicht immer, wenn einer allzu platten und einseitigen Verurteilung historischer Personen widersprochen wird, geht es darum, diese Personen oder ihr Handeln zu verteidigen.

Stattdessen geht es oft darum, die Taten und Motive dieser Personen genauer zu erklären, um so besser zu verstehen, welche Umstände und Faktoren zu ihrem Handeln führten und welche Auswirkungen ihr Handeln wiederum auf ihre Umwelt hatte.

Wenn ich erkläre, dass die Zwangsbekehrung der heidnischen Sachsen zum Christentum durch Karl den Großen nicht auf religiösem Wahn beruhte, sondern darauf, dass die Sachsen immer wieder plündernd in fränkisches Territorium eingefallen waren, jeden Friedensvertrag gebrochen hatten und die einzige Chance, die Region dauerhaft zu befrieden, darin bestand, sie unter die aus dem antiken Rom übernommenen Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen der Kirche zu bringen, dann soll das keine Rechtfertigung oder auch nur Entschuldigung von gewaltsamer Zwangsmissionierung sein.

Stattdessen ist diese Erklärung wichtig, um verstehen zu können, warum die Kirche ebenso wie die christlichen Machthaber in anderen Situationen und unter anderen Umständen sehr viel toleranter gegenüber den „Heiden“ waren.
Wenn man die Christianisierung der Sachsen mit dem Schwert nur durch religiöse Intoleranz und fanatischen Wahn erklärt, kann man nicht verstehen, warum ausgerechnet in den Kreuzzügen nie versucht wurde, die größtenteils muslimische, jüdische, orthodoxe oder kleineren christlichen Bekenntnissen angehörende Bevölkerung des heiligen Landes zum Übertritt zum (katholischen) Christentum zu zwingen.
Oder warum kirchliche Gelehrte keinerlei Problem damit hatten, das Wissen der römischen Antike ebenso wie das muslimischer und jüdischer Autoren begeistert aufzunehmen und zu nutzen.

Ich kann die Taten einer historischen Person ablehnen und verurteilen und trotzdem für eine differenziertere Sicht auf besagte Taten und die Motive dahinter eintreten, weil wir sonst nichts aus der Geschichte lernen können.

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„Grautöne zwischen Held und Schurke“

Wenn ich einer zu positiven oder zu glorifizierenden Darstellung einer historischen Person widerspreche, dann bedeutet das nicht automatisch, dass ich diese Person stattdessen als Schurken und Monster veruteilen will.

Es gibt durchaus einen Graubereich zwischen diesen beiden Extremen.

Ein Mensch kann von den in seiner Umwelt üblichen Normen, Werten und Regeln ja auf unterschiedliche Arten abweichen:

Entweder verhalte ich mich gerechter, als es in meinem Umfeld allgemein üblich ist, und versuche vielleicht auch, die Gesellschaft in der ich lebe wenigstens ein kleines Bisschen gerechter zu machen.
Oder ich verhalte mich weniger gerecht, als es in meinem Umfeld allgemein üblich ist, und versuche aktiv, die Gesellschaft in der ich lebe weniger gerecht zu machen.

Wer beides nicht tut, sondern im Guten wie im Schlechten dem folgt, was in seiner Gesellschaft normal und akzeptiert ist, ist vielleicht kein Schurke… aber eben auch kein Held.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Ich widerspreche Menschen, die die Kreuzfahrer pauschal als bösartige Monster darstellen, und erkläre, dass die Kreuzzüge unterm Strich nicht mehr und nicht weniger ungerechtfertigt waren und nicht mit mehr oder weniger Grausamkeit und Brutalität geführt wurden, als andere Konflikte ihrer Zeit.
Aber genauso widerspreche ich denen, die die Kreuzfahrer als heldenhafte Verteidiger des christlichen Abendlandes glorifizieren.

Wenn wir der Glorifizierung bestimmter historischer Personen widersprechen, bedeutet das nicht, dass wir sie stattdessen verteufeln.
Und wenn wir der Verteufelung bestimmter historischer Personen widersprecen, bedeutet das nicht, dass wir sie stattdessen glorifizieren.

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„Differenzierung ist wichtig.“

Um den großen Denker und Philosphen Shrek den Oger etwas abgewandelt zu zitieren:
„Menschen sind wie Zwiebeln. Sie haben viele Schichten.“

Ein und die selbe Person (oder Gruppe von Personen) kann sowohl positive wie auch negative Eigenschaften, Ansichten und Handlungen in sich vereinen.

Wir können die positiven Eigenschaften, Leistungen und Einflüsse auf die Gesellschaft und die Geschichte einer Person anerkennen und gleichzeitig auch ihre negativen Seiten kritisieren.

Wir können anerkennen, dass die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung eine wichtige Grundlage für das war, was wir in der westlichen Welt heute unter Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten verstehen, und gleichzeitig kritisieren, dass „all men are created equal“ sich für die Urheber dieser Erklärung erstmal ausdrücklich weder auf Frauen noch auf Nichtweiße bezog.

Wir können die Förderung von Bildung, Infrastruktur und Verwaltung durch Karl den Großen loben und gleichzeitig seine skrupellose Machtpolitik kritisieren, zu deren Unterstützung besagte Förderung diente.

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Abschließend:

Die Bewertung historischer Personen und ihrer Ansichten, ihrer Handlungen und ihres Einflusses auf ihre Gesellschaft und die Geschichte ist kompliziert und hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab.
Ziel dieses Blogposts war es keinesfalls, diese Komplexität und diese Faktoren auch nur ansatzweise vollständig wiederzugeben.

Stattdessen sollen die obigen Zeilen eines verdeutlichen:

Weder eine platte oberflächliche Dämonisierung, die keinen genaueren und differenzierteren Blick auf die tatsächlichen Geschehnisse und die Motive der handelnden Personen zulässt, noch eine kategorische Ablehnung jeder kritischen Auseinandersetzung mit historischen Personen sind zielführend, wenn wir tatsächlich etwas aus der Geschichte lernen wollen.

3 Gedanken zu “„Kinder ihrer Zeit“ – Können wir aus unserer heutigen Sicht über die Vergangenheit urteilen?

  1. Du widersprichst meinem Text da garnicht.
    Das ist genau das, was ich gesagt habe:

    Die handelnden Personen mögen entsprechend der Wert- und Rechtsvorstellungen ihrer Zeit gehandelt haben, ohne sich irgendeines Unrechts bewusst zu sein, aber die Tat an sich ist dennoch aus heutiger Sicht zu verurteilen.

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  2. Die Argumentation ist inkonsequent: Es ist richtig, daß ein Adliger, der einem anderen Adligen die Fehde erklärt, dessen Felder verwüstet, das Vieh raubt, die Bauern schändet und umbringt, um den zu schädigen, im Rahmen des Rechtsverständnisses seiner Zeit handelt. Das Handeln kann also so verstanden werden, ohne es zu billigen. Und daher kann man gleichzeitig jede Gewalt und Krieg verurteilen. Die arabischen Sklavenfänger (um mal nicht die europäischen Sklavenhändler zu nehmen, für die das genauso zutrifft), die bis ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder die Küsten im Mittelmeer überfielen und Einwohner in die Sklaverei verschleppten, handelten ebenso im Rahmen ihres Rechtsverständnisses. Gleichwohl kann und muß man die Versklavung grundsätzlich verurteilen. Der Fehde austragende Adlige empfand ebensowenig sein Tun als Unrecht wie der europäische oder arabische Sklavenhändler oder der afrikanische Stammeshäuptling, der seine Untertanen an die verkaufte. Das festzustellen bedeutet nicht, deren Handlungen zu rechtfertigen. Überhaupt: Was soll die Vorstellung, man rechtfertige Handlungen in der Geschichte? Die haben stattgefunden, sind nicht mehr zu ändern und die Vorstellung einer Rechtfertigung ist dazu völlig verfehlt. Der Rechtfertigung bedürfen nur aktuelle und zukünftige Handlungen und Rechtfertigung vergangener Handlungen sind nur ein Vihikel, um aktuelle oder geplante zu rechtfertigen.

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  3. Ein sehr guter Text, vielen Dank! Er hilft mir sehr beim Argumentieren in solchen Fällen. Letzten Endes läuft es halt wie üblich darauf hinaus, dass man mit Schwarz-Weiß-Denken nicht weiterkommt, sondern sich die Sache differenzierter anschauen muss. Das kann man sich nicht oft genug klarmachen.

    Viele Grüße,
    Birgit

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