„Dort treffe ich dann meinen Vater…“ – Von Wikingergebeten und Kontext

.

CONTENTWARNUNG!

Im folgenden Beitrag werden Themen behandelt, die bei manchen Menschen negative Reaktionen, bis hin zum Auslösen traumatischer Flashbacks hervorrufen können:

-explizite Darstellung körperlicher und sexueller Gewalt
-Gefügigmachen mittels Betäubungsmitteln
-Tötung
-Menschenopfer

Bitte seid vorsichtig und überlegt euch gut, ob ihr weiterlesen möchtet, wenn eines oder mehrere dieser Themen bei euch solche Effekte haben könnten.

.

“Dort treffe ich dann meinen Vater,
dort treffe ich dann meine Mutter,
meine Schwestern und meine Brüder,
dort treffe ich dann all jene Menschen
meiner Ahnenreihe von Beginn an.
Sie rufen bereits nach mir,
sie bitten mich meinen Platz zwischen ihnen einzunehmen
hinter den Toren von Walhalla,
wo die Tapferen Männer für alle Ewigkeit leben.”

Dieses „Wikingergebet“ dürfte den meisten Menschen heute aus dem Fantasy-„Wikinger“-Actionfilm „Der 13. Krieger“ mit Antonio Banderas bekannt sein, wo es einmal am Anfang des Filmes, bei der Bestattung eines verstorbenen Königs, und dann nocheinmal zum Schluss am großen Höhepunkt des Filmes gesprochen wird, als Wikingerkrieger Buliwyf tödlich verwundet in seine letzte Schlacht zieht, entschlossen, im Kampf anstatt im Bett zu sterben.

Es ist ohne Zweifel erfüllt von dramatischem Pathos und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit bei Menschen, die sich mit dem pseudohistorischen Bild des freien, standhaften, furchtlos dem Tod ins Auge sehenden Wikingerkriegers identifizieren möchten.
Die Zeilen „schmücken“ T-Shirts, Poster, Memes und in Form von Tätowierungen auch Körper.
Menschen, die sich wie große, starke, heidnische Krieger fühlen wollen, rezitieren den Text mit großem Ernst und tiefer emotionaler Ergriffenheit.

Und tatsächlich ist der Text dieses „Wikingergebets“ nicht (völlig) frei für den Film erfunden worden, sondern stammt (teilweise) tatsächlich aus einer historischen Quelle!

Handelt es sich hierbei also tatsächlich um ein echtes historisches Wikingergebet?

Ja… Nein.
Es ist kompliziert.

Die Vorlage des „Gebets“ aus dem Film stammt aus dem Reisebericht von Ahmad ibn Fadlan, der im 10ten Jahrhundert als Gesandter des Kalifen von Baghdad bei den Wolgabulgaren diente.
Dort traf er eine Gruppe von Seefahrern (die er „Rūsiyyah“ nennt), die auf der Wolga unterwegs waren und Rast machten, unter Anderem, um ihren verstorbenen Anführer beizusetzen.

Jene Leser, die „der 13. Krieger“ gesehen haben, wird es nicht überraschen, dass Ibn Fadlan in der Tat die historische Vorlage für den Protagonisten des Films und seine Beschreibung der Bestattung die Vorlage für den Anfang der Handlung liefert (die restliche Handlung des Filmes ist stark an das angelsächsische Epos Beowulf angelehnt).

Hier treffen wir aber schon auf das erste von zwei Problemen mit dem angeblichen „Wikingergebet“:


Die heutige Geschichtswissenschaft ist sich alles andere als einig, wer genau die von Ibn Fadlan beschriebenen „Rūsiyyah“ eigentlich sind.

Sind es tatsächlich Skandinavier, auf dem Weg über die Wolgaroute ins Schwarze Meer?
Sind es Slawen?
Sind es Menschen, die ursprünglich aus Skandinavien stammen, aber schon seit mehr oder weniger langer Zeit (eventuell schon seit mehreren Generationen) im Gebiet der slawischen Rus leben und inzwischen mehr oder weniger stark von deren Kultur assimiliert wurden?

Wir wissen es nicht.
Das allein macht es schwierig und problematisch, Ibn Fadlans Bericht unkritisch als Darstellung eines typischen „Wikingerbegräbnisses“ zu sehen.

Ein viel größeres Problem ist aber das Zweite:

Zumindest die ersten Zeilen des „Wikingergebets“ stammen so ähnlich tatsächlich aus Ibn Fadlans Bericht… aber sie werden dort nicht von einem großen Wikingerkrieger gesprochen, der sich bereit macht, den Heldentod im Kampf zu sterben und dann durch die Tore von Walhalla zu schreiten.

Stattdessen spricht diese Worte eine Sklavin, die dabei von mehreren Gefolgsmännern ihres verstorbenen Herrn vor einer hölzernen Konstruktion „ähnlich einem Türrahmen“ auf den Händen mehrfach hintereinander in die Höhe gehoben wird.

Bei jedem Mal, dass die Männer sie über den Türsturz heben, beschreibt sie, was sie sieht:
Beim ersten Mal ihren Vater und ihre Mutter, beim zweiten Mal all ihre verstorbenen Verwandten und beim dritten Mal ihren verstorbenen Herrn im Paradies, der nach ihr ruft.

Daraufhin wird sie von den Männern auf das Schiff gebracht auf welchem ein Zelt steht, in dem der tote Anführer aufgebahrt ist, wo sie eine alte Frau erwartet, die Ibn Fadlan als „Engel des Todes“ bezeichnet.

Diese gibt dem Sklavenmädchen mehrere stark berauschende Getränke, bevor sie sie schließlich in das Zelt führt.
Ibn Fadlan fügt hinzu: „Ich konnte sehen, dass das Mädchen nicht wusste, was es tat.“

Sobald das Mädchen im Zelt verschwunden ist, beginnen die umstehenden Männer, mit ihren Waffen an ihre Schilde zu schlagen, um die Schreie zu übertönen, während sie von 6 Männern vergewaltigt, daraufhin in das Bett ihres Herrn gelegt, dort von 2 Männern an den Hand- und von 2 weiteren Männern an den Fußgelenken festgehalten wird, woraufhin die alte Frau ihr einen Strick um den Hals legt, an dem die letzten zwei Männer ziehen und das Mädchen so erwürgen, während die Alte ihr ein Messer zwischen die Rippen sticht.

Danach wird das Schiff verbrannt und ein Grabhügel darüber errichtet.

.

Fazit:

Ja, die Zeilen des „Wikingergebets“ aus „der 13. Krieger“ stammen tatsächlich aus einer historischen Quelle, die aus der richtigen Epoche stammt.

Aber erstens ist unklar, wie typisch die in dieser Quelle beschriebenen Praktiken tatsächlich für das wikingerzeitliche Skandinavien waren und zweitens (und vor Allem) haben diese Worte nichts, aber auch so garnichts, mit einem stolzen Krieger zu tun, der sie spricht, als er furchtlos einem Tod im Kampf und dem Einzug als Held in Walhall entgegenschreitet.

Ob man sich als heutiger Mensch unbedingt romantisierend mit dem Sklavenmädchen und mit dem Kontext identifizieren will, in dem sie diese Worte in Ibn Fadlans Reisebericht tatsächlich spricht… das muss jeder für sich wissen.

Ich möchte es nicht.

Ein Gedanke zu “„Dort treffe ich dann meinen Vater…“ – Von Wikingergebeten und Kontext

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s