Der „ewige Eintopf“ – ein Mythos über die mittelalterliche Küche


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„Über den Kochfeuern mittelalterlicher Bauern- und Gasthäuser hing immer ein großer Kessel mit Eintopf. Dieser wurde nie vom Feuer genommen und niemals völlig leer gemacht. Stattdessen kamen immer wieder neues Wasser und neue Zutaten dazu. So veränderte sich sein Geschmack ständig und durch das ständige Kochen konnte auch nichts verderben. So blieben diese Eintöpfe oft über Wochen, Monate oder sogar Jahre ununterbrochen bestehen. Jeden Tag wurde etwas davon gegessen und etwas neues hinzugegeben.“

Diese Geschichte hört man so oder ähnlich häufig, wenn es um die Küche des Mittelalters geht.
Nach dieser Erzählung müsste der „ewige Eintopf“ zumindest in den ärmeren und einfacheren Haushalten die Grundlage der Ernährung gewesen sein.

Aber was ist tatsächlich dran an dieser Geschichte?

Gab es den „ewigen Eintopf“ im Mittelalter wirklich?
Funktioniert das überhaupt und wäre so ein „ewiger Eintopf“ tatsächlich ohne größere Gesundheitsgefährdung Essbar?

Fangen wir am Anfang an:

Alle Erzählungen von diesem angeblich mittelalterlichen „Ewigen Eintopf“ beziehen sich (wenn sie überhaupt Quellen nennen) auf eine einzige Quelle:

Das 1972 herausgebrachte Buch „Food in History“ von Reay Tannahill.
Tannahill selbst nennt (Überraschung!) keine Quellen für seine Behauptung.

Es gibt keinerlei zeitgenössische Quellen dafür.

Wir dürfen den „ewigen Eintopf“ als Standardmahlzeit einfacher Haushalte im Mittelalter also getrost Tannahills Phantasie zuschreiben.

Und warum sollten mittelalterliche Bauern oder Gastwirte das auch getan haben?

Ganz abgesehen davon, dass große Eisenkessel in mittelalterlichen Küchen eher selten verwendet wurden (und gerade für die einfachen Haushalte, in denen Tannahill den „ewigen Eintopf“ vermutet, auch ziemlich teuer gewesen wären) und meistens in Keramiktöpfen gekocht wurde:

Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr einen großen Kessel voller Eintopf konstant am Kochen zu halten, hätte für einfache Haushalte einen immensen Verbrauch an Brennmaterial bedeutet!
Zusätzlich dazu, dass man spätestens alle paar Stunden neues Wasser hätte nachschütten müssen.

Es ist auch nicht so, als würde man auf diese Art weniger Lebensmittel verbrauchen, als wenn man einfach genug für ein-zwei Tage kocht, die Kochgefäße schnell spült und dann etwas neues kocht.

Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund, warum man das tun sollte und keinen Vorteil, den man davon hätte.

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Okay, mittelalterlich ist das Ding also nicht.
Aber würde so ein Gericht tatsächlich funktionieren?
Kann man tatsächlich den selben Eintopf immer wieder mit neuem Wasser und frischen Zutaten verlängern, ohne dass er schlecht wird und ohne, dass man sich einem immensen Gesundheitsrisiko aussetzt, wenn man ihn isst?

In den Jahrzehnten nach Tannahills Buch haben sich einige experimentierfreudige Köche von der Idee inspirieren lassen und sie mehr oder weniger erfolgreich ausprobiert.
Es kursieren zudem einige (wissenschaftlich nicht im Ansatz gestützte) Behauptungen über die angeblichen Gesundheitsvorteile einer Ernährung, die solch einen „ewigen Eintopf“ als regelmäßigen Bestandteil hat.

Auch gibt es wohl (das ist jetzt bitte mit Vorsicht zu genießen, weil ich es nur vom Hörensagen habe) in einigen asiatischen Küchen eine Tradition, Brühen auf die Art fortzuführen, dass man etwas von der letzten Brühe behält und der nächsten Brühe, die man aus frischen Zutaten ansetzt, hinzufügt (also quasi wie ein Sauerteig oder eine Weinhefen-Kultur).

Das Ergebnis dieser Experiemte ist:

Es geht tatsächlich, wenn man die Suppe wenigstens zweimal am Tag erhitzt, bis sie sprudelnd kocht, und sie für eine Weile auf dieser Temperatur hält.
Und selbst dann braucht es noch einen hohen Salz- und Säuregehalt, um wirklich alle Mikroorganismen zu töten, die sich in dem Machwerk einnisten und es verderben lassen könnten.

Feste Zutaten wie Fleisch oder Gemüse werden sich so oder so irgendwann auflösen und dem Eintopf mit der Zeit eine unangenehme Konsistenz bescheren… mit einer Brühe, die man jedes Mal gründlich durchseiht oder sonstwie filtert, bevor man sie verlängert, kann das aber wohl tatsächlich funktionieren.

Auch wenn es keinerlei Belege dafür gibt, dass mittelalterliche Bauern oder Herbergen es getan hätten.
Oder Gründe, warum sie es hätten tun sollen.

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Zum Weiterlesen:

Ein etwas detaillierterer englischsprachiger Artikel zu diesem Thema:
https://melmagazine.com/en-us/story/perpetual-stew-history-recipes-myth

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