„Geklaute“ christliche Feste? – Halloween und Samhain

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Halloween.

Die Nacht vom 31.10. zum 01.11., in der Kinder (und im Herzen Kindgebliebene) in möglichst gruseligen Verkleidungen von Haus zu Haus ziehen, an Türen klingeln, Süßigkeiten verlangen und dieser Forderung mit der Androhung böser Streiche Nachdruck verleihen, ist in den letzten Jahrzehnten aus den USA auch nach Deutschland herübergeschwappt und erfreut sich hier zunehmend großer Beliebtheit.

Und im gleichen Maße wie Halloween selbst verbreitet sich auch die damit verbundene Behauptung, es handle sich dabei ja eigentlich um das irisch-keltische Fest „Samhain“, das von der Katholischen Kirche bei der Christianisierung Irlands übernommen und mit einem oberflächlichen christlichen Anstrich versehen worden sei.

Samhain, so die Erzählung, sei das irisch-keltische Totenfest gewesen, bei dem die Grenzen zwischen dem Diesseits und der Totenwelt für besonders durchlässig gehalten wurden, weshalb man die Geister mit Opfergaben gnädig zu stimmen versuchte.
Daraus hätte sich dann der Brauch entwickelt, dass junge Leute als Geister und Monster aus der Totenwelt verkleidet von Haus zu Haus zogen und Leckereien als Opfer verlangten, um die Bewohner in Ruhe zu lassen.

Bei der Christianisierung Irlands hätten die Katholiken aus Samhain das christliche Fest Allerheiligen gemacht und die vorhandenen heidnischen Bräuche einfach übernommen und umgedeutet.

Ähnliche Behauptungen sind auch in Bezug auf die beiden wichtigsten christlichen Feste im Jahr, Ostern und Weihnachten, immer wieder zu hören. Zu beiden finden sich auf diesem Blog eigene Beiträge:

Zu Ostern:
https://inforo1300.wordpress.com/2022/04/13/geklaute-christliche-feste-ostern-und-ostara/

Und zu Weihnachten:
https://inforo1300.wordpress.com/2022/11/27/geklaute-christliche-feste-weihnachten-romer-germanen-und-coca-cola/

Aber gerade bei Halloween scheint diese Erzählung auf den ersten Blick besonders Glaubhaft.

Immerhin: Was haben Monsterkostüme, Kürbislaternen und Süßigkeiten mit dem Christentum zu tun?

Aber Eines nach dem Anderen.

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Zunächst einmal das Grundlegendste:

Es ist in der Tat richtig und unumstritten, dass die Ansammlung von Bräuchen, die wir heute mit Halloween verbinden, durch irische Einwanderer in die USA kam, sich dort weiterentwickelte, vom Großteil der Bevölkerung auch außerhalb der irischen Gemeinde übernommen wurde und schließlich in seiner so weiterentwickelten Form mit der amerikanischen Popkultur in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg langsam aber sicher nach Deutschland und andere europäische Länder herübergelangte.

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Nun zu den Namen:

„Samhain“ wird nicht etwa wie die Vornamen von Sam Gamdschie und Hein Blöd ausgesprochen, sondern eher „So-ween“ (Die erste Silbe ausgesprochen wie das „so“ in „so long“ und die zweite Silbe wie das „ween“ in „Halloween“).
Die genaue Herleitung des Namens ist nicht ganz klar, aber die von den Meisten Expert*innen vertretene These ist, dass er ursprünglich etwa so viel bedeutet wie „Ende des Sommers“.

„Halloween“ hingegen ist eine verschliffene und verkürzte Form des Englischen „All Hallow’s Eve“.
„Der Abend vor Allerheiligen“ also.
Das Christentum übernahm für seine Feiertage die ursprünglich jüdische Vorstellung, wonach der Tag weder um Mitternacht noch mit dem Sonnenaufgang beginnt, sondern mit dem Sonnenuntergang.
Deshalb beginnt nicht nur Allerheiligen aus unserer Sicht bereits am Abend des Vortages, sondern auch das Feiern von Weihnachten wird schon am „Heilgabend“, also am 24sten nach Sonnenuntergang begonnen, obwohl ja eigentlich erst der 25. der eigentliche Weihnachtsfeiertag ist.

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Nun zur Entstehung von Allerheiligen:

Die religiöse Verehrung verstorbener Märtyrer und ihrer Gebeine begann sehr früh in der Geschichte des Christentums. Spätestens im 2ten Jahrhundert gibt es die ersten Quellen dafür, dass der Todestag des Heiligen Polycarp am 25. April als Gedenkfest gefeiert wurde.

Spätestens ab dem 4. Jahrhundert gibt es Nachweise auf Feiertage, an denen allen Heiligen auf einmal gedacht werden sollte. Diese lagen aber noch je nach Region auf sehr unterschiedlichen Daten.

In den Orthodoxen Kirchen wird Allerheiligen bis Heute am ersten Sonntag nach Pfingsten gefeiert.

Anfang des 7ten Jahrhunderts wurde der Pantheontempel in Rom durch Papst Bonifaz IV. in eine Kirche umfunktioniert und der Jungfrau Maria sowie allen Heiligen geweiht. Damit einher ging ein Feiertag, der auf päpstliche Anweisung am Freitag nach Ostern begangen werden sollte.

Das Datum jedoch, dass sich im Westen schließlich durchsetzen sollte, geht auf Papst Gregor III. zurück, der an einem 1. November Anfang des 8ten Jahrhunderts eine Kapelle in St. Peter „allen Heiligen und Märtyrern“ weihte.

Der Brauch, Allerheiligen an diesem Tag zu feiern, setzte sich zunächst vor Allem in Rom und im angelsächsischen England durch.
Der aus York stammende Lieblingsgelehrte Karls des Großen, Alkuin, setzte sich schließlich sehr engagiert und letztlich auch erfolgreich dafür ein, dieses Datum für Allerheiligen im gesamten Frankenreich durchzusetzen.
Im frühen 9ten Jahrhundert verankerte Ludwig der Fromme es sogar per kaiserlichem Edikt.
Hierdurch wurde der 1. November der im großteil Westeuropas gängige Termin dieses Festes.

Ab dem Hochmittelalter wurde zudem am Tag nach Allerheiligen der Tag Allerseelen gefeiert, an dem der Toten allgemein gedacht wurde und der vor Allem daran erinnern sollte, die Zeit, die verstorbene Angehörige im Fegefeuer verbringen mussten, durch Gebete, Spenden an die Kirche und milde Gaben an die Armen zu verkürzen.

Aber was ist denn jetzt mit Irland?

Wurde Allerheiligen dort nicht auf den 1. November gelegt, um das bestehende Fest Samhain übernehmen und in einen christlichen Feiertag umfunktionieren zu können?

Die älteste Erwähnung eines Allerheiligenfestes in Irland (das Martyrium von Oengus aus dem frühen 9ten Jahrhundert, also genau aus der Zeit, in der der 1. November im Frankenreich enndgültig als Datum von Allerheiligen festgelegt wurde), nennt dieses nicht etwa am 1. November… sondern am 20. April.

Der 1. November (hier auch als „stürmisches Samhain“ angesprochen) hingegen war laut derselben Quelle drei außerhalb Irlands unbedeutenden Heiligen namens Lonan, Colman und Cronan geweiht.

Irland, wo das Datum des Festes laut dem Mythos angeblich herkommen sollte, war Anfang des 9ten Jahrhunderts also eine der wenigen Regionen in Europa, in denen Allerheiligen gerade NICHT am 1. November gefeiert wurde.
Tatsächlich setzte sich das im Rest Europas gefeierte Datum des Allerheiligenfestes erst durch die englische Eroberung Irlands im 12ten Jahrhundert dort wirklich durch.

Die Erzählung, das Datum von Allerheiligen sei vom keltischen Samhain übernommen worden, ergibt also nach der tatsächlich nachweisbaren Verbreitungsgeschichte des Tages keinerlei Sinn.

Stattdessen liegt der Ursprung des Datums in Rom, verbreitete sich über England durch das Frankenreich und von da aus über den Großteil Europas und schließlich auch nach Irland.

Dass der Tag, der sich letztlich für Allerheiligen durchsetzte, mit dem Datum von Samhain zusammenfällt, ist also nach dem aktuellen Stand der Forschung tatsächlich schlicht und ergreifend… Zufall.

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Okay, das Datum von Allerheiligen (und damit von Halloween) stammt also vielleicht NICHT von Samhain ab… aber doch bestimmt die damit verbundenen Bräuche!
Verkleidungen, Kürbislaternen, Süßes oder Saures… das ist doch offensichtlich alles heidnisch! Das MUSS doch von den Kelten übernommen sein!

Schauen wir uns zunächst einmal an, was wir über Samhain wissen.

Samhain wird in einigen Quellen aus dem 10ten Jahrhundert (ein halbes Jahrtausend nach der Christianisierung Irlands also!) das erste Mal wenigstens etwas detailliert beschrieben:

Laut diesen Quellen (vor Allem der Ulster-Zyklus, aus dem auch Irlands berühmtester Held Cú Chulainn stammt) war Samhain eines der vier Feste, welche die Eckpunkte des irischen Jahres markierten (zusammen mit Imbolc am 1. Februar, Beltane am 1. Mai und Lughnasadh am 1. August).
Die Quellen erwähnen, dass man sich zu Samhain mit Freunden und Verwandten zu einem großen Festessen und Trinkgelage traf (was furchtbar viel Sinn ergibt, für ein Datum, dass den Beginn des Winters markiert, in dem Reisen gefährlich und mühsam werden) und an dem Verträge begannen und endeten, nennt aber keinerlei religiöse Bedeutung des Tages.

Erst im 12. Jahrhundert (700 Jahre nach der Christianisierung!) findet sich die erste Erwähnung eines Glaubens, dass an Samhain, ebenso wie an den anderen drei Ecktagen des Jahres, die Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Feen (NICHT der Welt der Toten!) besonders durchlässig sei.
Helden könnten an diesen Tagen besonders leicht durch Grabhügel, stille tiefe Seen, Sümpfe und andere Orte, die als Portale zwischen beiden Welten gesehen wurden, in die andere Welt hinübertreten, um dort große Taten zu vollbringen.
Normalen Menschen wurde geraten, diese Orte an solchen Tagen zu meiden.

Diese Vorstellung gilt also für alle vier Ecktage des irischen Jahres, ist ausdrücklich kein Alleinstellungsmerkmal von Samhain und hat vor Allem nichts mit einer Bedeutung von Samhain als „Tag der Toten“ zu tun.

Kurz:
Wir wissen schlicht nicht, ob Samhain für die vorchristlichen Iren überhaupt eine religiöse Bedeutung hatte, oder ob es einfach nur der Tag war, der das Ende des Sommers und den Beginn des Winters markierte.
Noch weniger wissen wir, WELCHE religiöse Bedeutung Samhain gehabt haben könnte, wenn es denn eine gehabt hätte.

Die Behauptung, Samhain wäre das keltische Fest der Toten gewesen, ist somit nicht haltbar.

Eine Verbindung zu den Toten bekam dieses Datum tatsächlich erst über die christlichen Feste Allerheiligen und Allerseelen.

Das Einzige, was in Irland tatsächlich von Samhain für Allerheiligen übernommen wurde… ist der Name. Die Iren behielten den alten Namen für den Tag des Winteranfangs am 1. November bei, auch nachdem dieser Tag mit dem von den englischen Eroberern eingeführten Termin für Allerheiligen zusammenfiel.

Was ebenfalls keine einzige dieser frühesten Quellen über Samhain nennt, sind Kürbislaternen oder gruselig verkleidete Menschen, die von Haus zu Haus ziehen und Lebensmittel von ihren Nachbarn verlangen.

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Aber wo kommen diese Bräuche denn dann her? Mit einer Verehrung von Heiligen und Märtyrern haben sie ja nichts zu tun… oder?

Der Brauch, der noch am ehesten vorchristliche (man bemerke, dass ich hier ganz bewusst „vorchristliche“ und NICHT „keltische“ schreibe) Ursprünge haben könnte, ist das Abbrennen von Feuern und das Anzünden von Laternen.

Aus dem Spätmittelalter gibt es Hinweise auf große Feuer, die zu Allerheiligen auf den britischen Inseln angezündet werden und die man während des Abends und der Nacht beim Abbrennen beobachtet.
In Schottland gibt es aus der frühen Neuzeit Quellen, nach denen diese Feuer dafür dienten, „die Feen fernzuhalten“, wobei wir nicht wissen, wie alt diese Bedeutung der Feuer tatsächlich ist.

Ein vorchristlicher Ursprung dieser Feuer ist zwar denkbar, aber eben nicht belegt.
Zumal wir bedenken müssen, dass ähnliche Bräuche quer durch Europa zu allen möglichen Festen quer durch das Jahr verbreitet sind.
Selbst wenn dieser Brauch also vorchristliche Ursprünge gehabt haben sollte, ist es unmöglich ihn auf ein bestimmtes vorchristliches Fest (ob irisch-keltisch, germanisch, slawisch oder römisch) zurückzuführen.

Okay, aber die als Monster verkleideten Leute, die um die Häuser ziehen und Essen verlangen, das ist doch garantiert nicht christlich, oder?

Doch. Sehr christlich sogar.

Es gibt in ganz Europa je nach Region zu unterschiedlichen Festen an unterschiedlichen Zeitpunkten im Jahr den Brauch, die ärmeren Mitglieder der Gemeinschaft mit milden Spenden zu unterstützen.
Besonders verbreitet sind neben Allerheiligen (und dem direkt danach liegenden Allerseelen) Sankt Martin und der Dreikönigstag.
Diese drei Feste ergeben zu diesem Zweck auch sowohl aufgrund ihres Datums als auch aufgrund ihrer religiösen Bedeutung jede Menge Sinn:

Allerheiligen (und das direkt auf dem Folgetag gelegene Allerseelen) liegt genau wie Sankt Martin in der Zeit kurz nachdem die Ernte eingebracht wurde, die Leute also etwas übrig haben, was sie teilen können.

Allerheiligen (und noch mehr Allerseelen) erinnert die Menschen zudem an das Jenseits und daran, mit guten Werken ihre Chancen auf einen Platz im Paradies (oder eine möglichst kurze Zeit im Fegefeuer) zu verbessern.

Sankt Martin ist einem Heiligen geweiht, dessen ganze Geschichte sich um Mildtätigkeit gegenüber den Armen dreht.

Der Dreikönigstag liegt mitten im Winter, also in der Zeit, in der die Vorräte langsam bedenklich zur Neige gehen und es noch eine gute Weile hin ist, bis wieder neue Lebensmittel verfügbar sein werden.
Der Zeit also, in der die Menschen am ehesten auf Hilfe angewiesen waren.

Und der Tag an dem man der drei Könige gedenkt, die das Christkind mit reichen Geschenken bedachten, erinnert Christen daran, Jesus ebenfalls indirekt zu beschenken, indem sie den Armen und Hilfsbedürftigen ihrer Gemeinschaft halfen, gemäß Matthäus 25:40 „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Zu all diesen Festen (und regional auch zu einigen anderen) existiert ein Brauch, bei dem vor Allem junge Leute, mit Lichtern ausgestattet, nach Sonnenuntergang von Haus zu Haus gehen und milde Gaben erbitten.
(Sankt Martins Umzüge, Sternsinger…)
So wie Kinder zu Sankt Martin traditionell den Martinsweckmann bekommen, war die traditionelle Gabe zu Allerheiligen auf den britischen Inseln der Seelenkuchen.
Und bei allen drei Festen spielen dabei auch Verkleidungen eine Rolle.

Okay, christliche Nächstenliebe ergibt Sinn… aber was sollen jetzt die Verkleidungen?

Auch der Brauch, dass die Teilnehmer dieser so genannten „Heischegänge“sich auf die eine oder andere Art verkleiden, hat seinen Ursprung in der christlichen Nächstenliebe.

Die Idee dahinter war, den Menschen, die in einer kleinen Gemeinschaft, in der Jeder Jeden kannte, ihre Nachbarn um milde Gaben anbetteln mussten, ein Bisschen Würde und Stolz zu lassen, indem sie sich verkleideten und ihre Nachbarn so taten, als würden sie die Personen nicht erkennen, die da vor ihrer Türe standen.
So gibt es Regionen auf den britischen Inseln, wo diese Verkleidungen zu Allerheiligen bis weit in die Neuzeit hinein überhaupt nicht gruselig waren, sondern nur daraus bestanden, das Gesicht mit Ruß schwarz zu färben.

Okay, aber warum verkleidet man sich dann heute zu Halloween ausgerechnet als etwas Gruseliges?

Dafür gibt es verschiedene Erklärungsversuche:

Zum Einen gehörte zu vielen großen christlichen Festen eine gewisse Aufweichung bis hin zur Umkehr sozialer Normen und Machtverhältnisse.
Die Leute durften über die Stränge schlagen, sich daneben benehmen, aus ihrer gesellschaftlichen Rolle ausbrechen, Autoritäten kritisieren und sogar verspotten oder beleidigen.

Solche Anlässe, zu denen der Bevölkerung ein durch Ritual und Tradition kontrolliertes Ventil geboten wird, Stress, Unzufriedenheit und unterdrückte Impulse rauszulassen und sich in einem begrenzten Rahmen gegen die Regeln und Normen der Gesellschaft aufzulehnen (wohl wissend, dass diese nach dem Ende dieser Ausnahmezeit wieder gelten werden) ist wichtig und extrem nützlich für den langfristigen Zusammenhalt und die Stabilität einer Gesellschaft.

Andere Feste, die mit einer solchen Aufweichung, Aufhebung oder sogar Umkehr der sozialen Regeln und Hackordnung einhergingen, waren etwa Karneval (da gilt es bis heute) und, für die meisten heute wohl sehr überraschend, Weihnachten!

Die Entwicklung hin zu Masken und Kostümen, die erschrecken und schockieren und ganz bewusst moralische Grenzen überschreiten sollten, könnte also ein Stück weit auf diese rebellische Note von Allerheiligen zurückgehen.

Zum Zweiten gibt es die These, dass die gruseligen Kostüme entweder die Seelen der Verstorbenen darstellen sollen, die in dieser Nacht aus dem Fegefeuer herausdürfen, um die Lebenden zu bitten, ihre Qual durch milde Gaben zu verkürzen, oder aber Dämonen, die drohen, die verstorbenen Angehörigen der Leute im Fegefeuer zu quälen, wenn diese nicht mit milden Gaben ihre Lieben von dort befreien.

Diese These versucht also, die gruseligen Kostüme auf die Bedeutung von Allerheiligen und Allerseelen zurückzuführen.

Die dritte (und die meiner Ansicht nach wahrscheinlichste) These besagt, dass die Entwicklung von Halloween zu einem Fest, das nicht mehr primär mit Allerheiligen oder Allerseelen zusammenhängt, sondern vor Allem Grusel ganz allgemein gewidmet ist, schlicht eine sehr Junge ist.
Diese Entwicklung geschah demnach erst wirklich in den USA, als die Irischen Bräuche am Abend vor Allerheiligen von Nichtiren kopiert wurden, die den kulturellen Hintergrund dieser Bräuche nicht kannten und/oder verstanden (vor Allem, da der großteil der USA protestantisch ist und daher keine Heiligenverehrung kennt), aber die Idee eines Festes cool fanden, bei dem man sich möglichst gruselig verkleiden und Süßigkeiten von den Nachbarn bekommen kann.
Eine ähnliche Entwicklung gab es in der Neuzeit ja auch bei Weihnachten, das seine christliche Bedeutung mehr und mehr verlor und stattdessen zu einem generellen Fest der Familie und der Liebe umgedeutet wurde.

Und die Kürbislaternen?

Da alle Kürbisarten außer dem Flaschenkürbis aus der neuen Welt stammen und im Mittelalter oder davor in Europa nicht existierten, kann die Kürbislaterne in ihrer heutigen Form logischerweise nicht älter als die frühe Neuzeit und demnach auch nicht keltisch oder sonstwie vorchristlich sein.

Aber es gibt tatsächlich einen älteren Brauch, auf dem die amerikanischen Kürbislaternen basieren.
In vielen Teilen Irlands, Schottlands und Englands trugen die jungen Leute, die an Halloween heischend von Haus zu Haus gingen, Laternen aus ausgehölten Steckrüben mit sich.
(Diese Laternen sehen teilweise wesentlich gruseliger aus, als es die amerikanischen Kürbislaternen je könnten. Ernsthaft: Googelt „Turnip Lantern“.)
Der Brauch, statt der Rüben Kürbisse zu benutzen, entstand in den USA, da Kürbisse einfach billiger, größer und besser für kunstvolle Schnitzerein geeignet waren.

Den Brauch, zu Allerheiligen und Allerseelen Kerzen für die Verstorbenen anzuzünden, gibt es in ganz Europa und er geht offensichtlich auf das katholische Kerzenopfer zurück, mit dem man die Zeit der verstorbenen im Fegefeuer verkürzen oder die Heiligen um Beistand bitten will.

Aber die spezielle Bedeutung der auf den britischen Inseln herumgetragenen Laternen lässt sich an ihrem Namen ablesen:
„Jack O’Lanterns“ heißen sie heute in den USA, ein Name der ursprünglich aus dem Dialekt des östlichen England stammt.
In anderen Regionen hießen diese Laternen “punkies” oder „spunkies“.
All diese Namen bezeichnen neben den zu Halloween getragenen Laternen noch etwas anderes:
Die natürlichen Flammen, die in Sümpfen entstehen können, wenn Sumpfgas sich selbst entzündet.
Diese, im heutigen Englisch meist als „Will o‘ the wisp“, im Deutschen hingegen als „Irrlichter“ bezeichneten Flämmchen wurden auf den britischen Inseln in der frühen Neuzeit (und möglicherweise auch früher. Hier fehlen uns aber die Quellen) mit den rastlosen Seelen Verstorbener gleichgesetzt.
Die Verbindung zu Allerheiligen und Allerseelen ergibt sich logisch.

Warum aber hat man für diese Laternen jetzt ausgerechnet ausgehöltes Gemüse benutzt anstatt einer normalen Laterne?

Gute Frage.
Einfache Antwort: Wir wissen es nicht.
Denkbar ist, dass Steckrüben einfach billig und nahezu unbegrenzt verfügbar waren, während im zur Zeit der frühen Neuzeit tendenziell eher armen Schottland und Irland nicht jeder Haushalt (vor Allem nicht jene, die darauf angewiesen waren, an diesem Tag betteln zu gehen) eine eigene Laterne besaß.

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Okay, aber woher stammt denn dann die Idee, Halloween sei heidnischen Ursprungs?


Grob gesagt:

Protestanten, neuzeitliche Esoteriker und Nationalisten.

In der frühen Neuzeit wurden sehr viele katholische Feiertage und Praktiken von den verschiedenen protestantischen Bewegungen als „heidnisch“ bezeichnet, auf alte, vorchristliche Kulte zurückgeführt und mit Aberglaube, Götzendienst, Dämonenanbetung oder sogar Menschenopfern in Verbindung gebracht, um somit zum Einen dem Ruf der katholischen Kirche zu schaden, zum Anderen zu begründen und zu rechtfertigen, warum sie diese in der Bevölkerung sehr beliebten Bräuche und Feste abschafften und verboten.
Neben Weihnachten, Ostern und diversen sehr beliebten Heiligenfesten erwischte diese antikatholische Schmähpropaganda natürlich auch Allerheiligen und Allerseelen.

Diesen Zweck der Herleitung von Halloween aus angeblich heidnischen Ursprüngen kann man heute noch sehr aktiv bei der evangelikalen Rechten, vor Allem in den USA, aber auch zunehmend in Europa beobachten.
Hier wird Halloween immernoch fröhlich als ein Fest des Teufels und der schwarzen Magie verdammt, als eine von der satanisch kontrollierten katholischen Kirche jahrhundertelang als christlich ausgegebene Fallgrube für die Rechtschaffenen.
Ich kenne diese Interpretation von Halloween aus eigener Anschauung aus meiner Kindheit bei den Zeugen Jehovas, aber auch in den legendär gewordenen „Chick Tracts“ des selbst für evangelikale Verhältnisse verrückten und radikalen Autors Jack Chick findet sie sich.

Im 18ten und 19ten Jahrhundert bekam die Deutung von Halloween und anderen Festen als „Uralte heidnische Bräuche“ dann eine sehr viel positivere Note.

Nun waren es Esoteriker, die sich als Druiden, Schamanen oder Hexen sahen und versuchten, die Weisheit, die Magie und die Religion der Ahnen wiederaufleben zu lassen.
Und natürlich hatten die „heidnischen“ Religionen, magischen Praktiken und Lehren, die diese Leute sich bauten, wenig bis garnichts mit dem Bisschen zu tun, was tatsächlich über die vorchristlichen Religionen der Kelten, Germanen und Slawen überliefert ist, sondern vor Allem mit den zeitgenössischen Weltanschauungen und Wunschvorstellungen dieser Esoteriker, die zu diesem Zweck Versatzstücke aus allen möglichen Quellen, Jahrhunderten und teilweise sogar völlig verschiedenen Kulturen und Religionen miteinander zusammenmischten, solange sie irgendwie zum gewünschten Ergebnis passten.
Ein großer Teil der heute noch verbreiteten neoheidnischen Strömungen hat in dieser Zeit seinen Anfang.
Auch die Idee, die inselkeltischen Druiden hätten in irgendeiner Verbindung zu Stonehenge gestanden, oder seien gar seine Erbauer, stammt aus dieser Zeit.

Zuletzt kamen im 19ten und frühen 20sten Jahrhundert die Nationalisten, die ihre (meist ziemlich künstlich konstruierte und auf ziemlich wackeligen Beinen stehende) nationalie Identität legitimieren wollten, indem sie diese möglichst weit zurückdatierten.
Zu diesem Zweck identifizierte man sich mit einem möglichst alten und bekannten Volk und erklärte dieses zum Ursprungspunkt möglichst vieler gegenwärtiger Kulturelemente.
So war Weihnachten für die deutschen Nationalisten kein von den römischen Christen übernommener (also in ihrer Weltsich „fremder“) Feiertag mehr, sondern das uralte germanische Fest Jul, das die Christen ja nur gestohlen hätten und das man selbst nun wieder zurückholen würde.
Für englische Nationalisten war Ostern auf einmal das Fest der angelsächsischen Frühlingsgöttin Eostre.
Und für irische Nationalisten eben Halloween das alte keltische Samhain.

Diese drei Ursprünge des Mythos von den „heidnischen“ Ursprüngen vieler großer christlicher Feste kann man auch heute noch gut daran sehen, welche Menschen diesen Mythos mit welcher Absicht verbreiten:

Da sind die modernen Atheisten und Kirchenkritiker, für die der Vorwurf, die christlichen Feiertage seien ja gar nicht christlich, sondern nur von den Heiden geklaut, genau so eine nützliche Waffe zur Delegitimierung und Lächerlichmachung des religiösen Feindbildes ist, wie er es für die Protestanten der frühen Neuzeit war und für die evangelikale Rechte bis heute ist.

Da sind Esoteriker, die heute wie damals Elemente aus allen möglichen nicht im Ansatz zusammenpassenden Quellen zusammenrühren, um eine Weltanschauung daraus zu bauen, mit der sie sich wohlfühlen, und die besagte Weltanschauung natürlich gerne dadurch legitimieren, dass sie sich auf eine möglichst alte Tradition berufen.
Wenn man sagt, die eigenen Glaubensvorstellungen kämen von den alten Kelten, klingt das doch irgendwie deutlich ernstzunehmender, als wenn man zugibt, dass sie von einem wirren Esoteriker im 19ten Jahrhundert erfunden wurden.

Und natürlich hat man auch heute immernoch einen ganzen Haufen Nationalisten, deren Nationalstolz sehr gestreichelt wird, wenn sie behaupten können, IHRE Vorfahren (‚Tschuldigung: Ihre AHNEN heißt das natürlich) hätten dieses oder jendes Fest ja eigentlich erfunden und zum Rest der Welt sei es erst gelangt, nachdem die Christen es ihnen gestohlen hätten.

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Schlusswort:

Ein Punkt, der bei der Diskussion um die angeblich heidnischen Ursprünge von Halloween und anderen christlichen Festen, wie Weihnachten oder Ostern immer wieder auffällt, ist der, dass es vielen Menschen heute irgendwie schwerfällt, sich vorzustellen, dass auch in den Jahrhunderten nach der Christianisierung immer noch neue Bräuche erfunden wurden.

Man stellt sich vor, dass alles an Kultur und Bräuchen, was nicht wortwörtlich so in der Bibel beschrieben steht, aus einer älteren heidnischen Religion stammen muss.
Scheinbar traut man mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Menschen in einer christlichen Gesellschaft nicht zu, kreativ zu sein und sich eigene seltsame, verrückte und bunte Traditionen auszudenken.

Diese Vorstellung, die die strengsten, ernstesten und spaßbefreitesten Puritaner auf alle christlichen Religionen und vor Allem auf alle individuellen Christen zu allen Zeiten überträgt, gilt es zu überwinden.
Erst dann kann man nicht nur verstehen, wie die Bräuche um Halloween sowie andere christliche Feste wahrscheinlich wirklich entstanden, sondern vor Allem, wie bunt, vielfältig und aus heutiger Sicht oft herrlich seltsam und verrückt die verschiedenen großen und kleinen christlichen Kulturen des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren.

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Zum Weiterlesen:

Mein Blogpost über die angeblich heidnischen Ursprünge des Osterfestes:
https://inforo1300.wordpress.com/2022/04/13/geklaute-christliche-feste-ostern-und-ostara/

Der hervorragende englischsprachige Artikel von Tim O’Niell zu diesem Thema, der für einen großen Teil dieses Beitrages meine wichtigste Vorlage war:
https://historyforatheists.com/2021/10/is-halloween-pagan/

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