„Ist euch nicht Warm?“

„Ist euch nicht warm in den Sachen?“

Diese Frage hören wir jedes Jahr auf’s Neue immer wieder von Besucher*innen gestellt, wenn wir in mittelalterlicher Kleidung auf sommerlichen Veranstaltungen auftreten.
Mal mit besorgtem, mal mit belustigtem Ton und Gesichtsausdruck.

Die Frage ist verständlich:

Die Besucher*innen stehen vor uns in Shorts und T-Shirt, wir stehen da mit völlig bedeckten Beinen und knie- bis überbodenlangen Gewändern, die die kompletten Arme bis zum Handgelenk bedecken.
Oft noch kombiniert mit Kopfbedeckungen, mehreren Lagen an Kleidung und sogar Mänteln!

.

Und da die Frage verständlich ist, wollen wir sie natürlich auch beantworten.

Kurze Antwort:

Es gab auch im Mittelalter schon Kleidung für kaltes und für warmes Wetter. Und in der Kleidung, die wir bei warmem Wetter anhaben, fühlen wir uns tatsächlich ziemlich wohl, obwohl sie auf den ersten Blick aussieht, als müssten wir uns darin totschwitzen.

Lange Antwort:

Die lange Antwort findet sich unter den Bildern in der Galerie:


Die Leib- oder Unterwäsche aus Leinen dient dazu, den Schweiß des Trägers aufzusaugen, so dass dieser nicht an die wollene Oberkleidung gelangt.
Gerade Leinen ist für diese Aufgabe hervorragend geeignet, da Flachsfasern von Natur aus leicht bakterizid sind, wodurch Leinen deutlich länger getragen werden kann, ohne zu stinken, als etwa Baumwolle.
Zudem lässt Leinen den aufgenommenen Schweiß auch relativ schnell wieder verdunsten und fühlt sich dadurch bei warmem Wetter angenehm kühl und gleichzeitig trocken auf der Haut an.
Der dritte große Vorteil leinerner Unterkleidung liegt darin, dass sie problemlos immer wieder bei sehr hohen Temperaturen gewaschen werden kann, ohne Schaden zu nehmen.

Unsere Oberbekleidung besteht, wie es um 1300 allgemein üblich war, aus Wolle.
Dieses Material löst heute bei den Meisten vor allem Erinnerungen an warme und kratzige Wollpullis aus, aber das wird der großen Vielfalt an Wollstoffen nicht gerecht.

Neben den dicken gefilzten Walkstoffen, die herrlich warm und wasserabweisend und damit hervorragendes Material für Winter- und Schlechtwetterkleidung sind, gibt es definitv auch dünne, leichte und glatte Wollstoffe, die sich hervorragend für den Sommer eignen.

Der hier von Benny getragene rote Rock etwa ist aus Kammgarn, einem Wollstoff, bei dem die kurzen, harten, lockigen Fasern (die sich sonst immer aus dem Faden heraus aufrichten und damit für die „Kratzigkeit“ der Wolle verantwortlich sind) vor dem Verspinnen herausgekämmt wurden.
Nur die langen, geraden Fasern bleiben übrig, wodurch ein sehr glatter und angenehm zu tragender Stoff entsteht.
Natürlich sind Kammgarnstoffe nicht nur aufgrund des Arbeitsaufwandes, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass bis zur Hälfte des Materials beim Auskämmen verlorengeht, bis heute deutlich teurer, als Stoffe ungekämmter oder zumindest deutlich weniger gekämmter Wolle.
Kammgarn wird heute noch gerne für gute Anzüge verwendet.

Aber ob kratzig oder nicht:

Wolle ist atmungsaktiv und lässt den verdunstenden Schweiß problemlos durch, was im Sommer gerade in Kombination mit Unterwäsche aus Leinen angenehm kühlend wirkt.

Zumal die wärmeisolierende Wirkung von Wollstoff nicht nur im Winter die Körperwärme auf der Innenseite der Kleidung hält, sondern im Sommer auch die Hitze der Umgebung draußen.

All diese Eigenschaften zusammen sorgen dafür, dass sich durch die Kombination aus leinerner Unterwäsche und wollener Oberkleidung ein Mikroklima um den Körper bildet, dass vor den Temperaturextremen der Umgebung (zu heiß oder zu kalt) ausgezeichnet schützt.

Einige spätmittelalterliche Zunftrechte schreiben vor, dass zumindest die Meisterinnen und Meister das Haus nicht verlassen sollten, ohne einen Mantel zu tragen.

Als Oberhaupt eines Haushaltes und Besitzer*innen eines eigenen Betriebes waren sie Mitglieder zumindest der städtischen Mittelschicht und diese Standeszugehörigkeit sollte auch im Alltag nach außen demonstriert werden.
(Man vergleiche bestimmte Arbeitgeber, die bis heute von ihren Angestellten verlangen, unabhängig von Wetter und Temperaturen im Dienst einen vollständigen Anzug und Kravatte zu tragen, um ein „professionelles“ Erscheinungsbild zu gewährleisten.)

Um diese mittelalterlichen Sozialnormen und Zunftvorschriften korrekt darstellen zu können, ohne gleichzeitig an Hitzschlag zu sterben oder im eigenen Schweiß zu ertrinken, trägt Bine in ihrer Roller als Krämerin einen Sommermantel aus hauchdünnem und superleichtem grünen Kammgarn.

Dieser Mantel ist komplett nutzlos als Regen-, Wind- oder Kälteschutz, sondern dient einzig und allein der Repräsentation.

Hier sieht man die beiden Kammgarnstoffe, aus denen Bennys Rock und Bines Mantel bestehen, nebeneinander in Nahaufnahme gegen das Sonnenlicht.

Man kann sehr gut sehen, wie dünn, glatt, fein und leicht diese Stoffe sind.

Weit entfernt von einem kratzigen Wollpulli oder einer warmen Lodenjacke…

Aber im Sommer Wolle zu tragen, ohne sich tot zu schwitzen, war nicht nur ein Privileg derjenigen, die sich die teuren und feinen Kammgarnstoffe leisten konnten.

Hier sehen wir eine Nahaufnahme des Wollstoffes, aus dem Bennys Sommermantel besteht.

Man sieht sehr gut die harten, gekräuselten Haare, die aus dem Gewebe hervorstehen und dafür verantwortlich sind, dass es sich kratzig anfühlt.

Aber auch dieser Stoff ist angenehm kühl zu tragen, nicht dadurch, dass er so dünn und fein ist, sondern dadurch, dass er sehr locker gewebt ist, also eine Menge Luft zwischen den Fasern hindurchlässt und auch insgesamt nicht aus so viel Material besteht, wie ein enger gewebter Stoff (der Stoff ist dadurch nicht nur sehr viel kühler und luftiger, sondern auch sehr viel leichter, als er ob seiner Dicke aussieht).

Ein gutes Beispiel für einen verhältnismäßig „billigen“ Sommerstoff.

Hier sehen wir Bennys Sommermantel aus dem im vorigen Bild gezeigten Stoff.

Er lässt sich auch bei heißem Wetter und in der prallen Sonne sehr angenehm tragen.

Als Schutz des Gesichts gegen die Sonne bieten sich Hüte mit breiter Krempe an.

Solche Hüte waren sowohl aus Filz (wie Benny im vorherigen Foto einen trägt), als auch aus Stroh verbreitet.

Neben Getreidestroh konnten diese „Strohüte“ noch aus verschiedenen anderen getrockneten pflanzlichen Materialien bestehen.

Der Hut, den Bine hier trägt, besteht beispielsweise aus Rohrkolben.

Als reine Funktionskleidung zum Schutz vor der Sonne unterschieden sich die Strohhüte, die von den verschiedenen Ständen getragen wurden, nicht wirklich voneinander.

Wie es sich im Hoch- und Spätmittelalter für alle Frauen (außer junge Mädchen) gehörte, trägt Bine in der Darstellung eine Kopfbedeckung.

In diesem Fall eine simple leinerne Haube und ein „Gebende“, eine Kopfbedeckung aus zwei Leinenstreifen (einem vom Scheitel ums Kinn laufend und einem waagerecht auf Stirnhöhe getragen), die sie als Ehefrau und damit Herrin eines Haushaltes kennzeichnet.

Möglich wäre zudem noch ein Schleier aus Leinen oder dünner Wolle.
Auch könnte die Haube durch ein Haarnetz ersetzt werden.

Neben der kulturellen Norm für Frauen, in der öffentlichkeit ihren Kopf zu bedecken (die sehr viel älter ist, als das Christentum und zuerst über die Römer in unsere Breiten kam), dienen diese Kopfbedeckungen durchaus auch praktischen Zwecken:

Im Winter kann ein dicker Wollschleider hervorragend als Kapuze gegen Wind und Regen fungieren (was wohl auch der Grund ist, warum es so wenig Quellen für Kapuzen an weiblicher Kleidung der Zeit gibt).

Die bei Frauen zu dieser Zeit meist langen und damit aufwändig zu waschenden Haare werden vor Verschmutzung geschützt (aus dem selben Grund gibt es auch für Männer leinerne Hauben, die so genannten „Bundhauben“, die auf Reisen oder bei besonders dreckiger oder staubiger Arbeit getragen werden).

Und (und damit kommen wir endlich wieder zum Thema dieses Blogposts):

Hauben und Schleier bilden auch einen hervorragenden Schutz vor der Sonne.
Auf dem Kopf schützen sie vor Sonnenstich, ein Schleier im Nacken schützt vor Sonnenbrand.

Und bei Hitze ist es ausgesprochen angenehm, die Haube zwischendurch nass zu machen und dann nass wieder aufzusetzen.

Ein Gedanke zu “„Ist euch nicht Warm?“

  1. Danke für den informativen Artikel! Die Rolle und die Vorteile des Leinens waren mir bisher noch nicht bekannt.

    Ein bisschen schade, dass Leinen in unserer modernen Zeit nicht mehr so häufig genutzt wird. Ein Hemd oder T-Shirt aus Leinen stelle ich mir angenehm, praktisch und vor allen Dingen nachhaltig vor.

    Gefällt mir

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