Da die Krämer-Darstellung momentan unser wichtigstes Standbein ist, bekommt der dazugehörige Artikel hier einen Ehrenplatz. Er ist aber trotzdem auch weiterhin unter „Blog“ zu finden.

Einzelhandel in Deutschland um 1300

Vorwort:

Der hier vorliegende Text wurde als Gedächtnisstütze für unsere Krämerdarstellung verfasst und ist deshalb nicht mit Belegen oder Quellenverweisen versehen. Er stellt den momentanen Stand meiner Recherche Ende 2014 dar und kann bestenfalls ein Einstieg zum selbst weiter recherchieren sein.

Für weitergehende Beschäftigung mit dem Thema empfehle ich als Einstieg:

„Park, Heung-Sik

Krämer- und Hökergenossenschaften im Mittelalter“

ISBN 978-3-89534-528-9

Geschichtliche Entwicklung:

Der Fernhandel mit Luxusgütern ist Jahrtausende alt.

An den Kreuzungen wichtiger Handelswege und in den wenigen Städten treffen sich die Kaufleute um ihre Waren umzuschlagen. Abnehmer sind vor allem andere Kaufleute sowie die lokale Oberschicht, die sich hier mit ihrem Jahresvorrat versorgt.

Denn diese Fernhandelsmärkte finden nur selten statt, meist ein- oder zweimal im Jahr.

Die einfache Bevölkerung stellt die meisten Dinge des täglichen Bedarfs selbst her. Nur was sie nicht selbst produzieren können aber unbedingt benötigen kaufen sie ein. Vor allem Salz, aber beispielsweise auch Roheisen für den Dorfschmied.

Diese Dinge bekommen sie von fahrenden Händlern, die ihre Ware selbst auf dem Jahrmarkt gekauft haben und damit nun über die Dörfer ziehen. Von den Bauern kaufen sie im Gegenzug lokale Handwerksprodukte, die es in den Nachbardörfern nicht gibt. Diese Art des Handels, bei welcher der Händler in einem Gebiet umherreist, an einem Ort eine größere Menge einer Ware kauft, um sie dann auf den nächsten Stationen der Reise nach und nach (oder auch“tröpfchenweise“) wieder zu verkaufen, nennt man „Tröpfelhandel“.

Den durchkommenden Tröpfelhändlern besondere lokale Produkte zu verkaufen ist die einzige Möglichkeit der Landbevölkerung an Geld zu kommen, das deswegen auch nur für das Allernotwendigste ausgegeben wird.

Das sind die Bedingungen, die auf dem Gebiet des heutigen Deutschland während der Eisenzeit, des Frühmittelalters und des frühen Hochmittelalters herrschen.

Dann jedoch tritt ein bedeutender Strukturwandel ein. Im späten 12. und erst recht im 13. Jahrhundert explodiert förmlich die Anzahl der Städte in Europa.

Um 1300 gibt es im heutigen Deutschland 10mal so viele Orte mit Stadtrecht wie 100 Jahre zuvor!

In diesen Städten leben mehr Menschen auf engem Raum zusammen als jemals zuvor irgendwo in Europa seit dem Fall des Römischen Reiches. Und diese Menschen beginnen zunehmend, sich zu spezialisieren.

Die einzelnen Städter konzentrieren sich jetzt auf bestimmte Tätigkeiten, um Geld zu verdienen, mit dem sie wiederum die Waren des täglichen Bedarfs kaufen, die sie ja nun nicht mehr selbst produzieren.

Dieses für uns heute selbstverständliche System aus Arbeitsteilung und Warenumschlag ist in diesem Ausmaß in den neugegründeten Städten etwas völlig neues!

Da die meisten Städter auch nicht mehr ihre eigenen Lebensmittel produzieren, kommen nun auch die Bauern aus der Umgebung, um in der Stadt ihre Ernteüberschüsse zu verkaufen. So haben sie nun auch öfter Geld in der Hand, das sie zum Teil auch gleich wieder ausgeben.

All diese Entwicklungen führen dazu, dass es sich für die Händler auf einmal lohnt sesshaft, zu werden.

Denn nun finden sie das ganze Jahr über am selben Ort Käufer für ihre Waren, anstatt wie bisher weiterziehen zu müssen, sobald der lokale Bedarf gedeckt ist.

Der moderne, sesshafte Einzelhändler ist geboren.

Die Arbeit eines Einzelhändlers

Der Einzelhändler bezieht seine Waren entweder von Fernkaufleuten auf den Jahrmärkten der Umgebung, oder er kauft sie direkt bei den örtlichen Produzenten.

Dadurch sorgt er dafür, dass die Einwohner seiner Stadt das ganze Jahr über Fernhandelsgüter kaufen können, statt nur während des Jahrmarktes. Gleichzeitig können die städtischen Handwerker sehr viel effizienter arbeiten, wenn sie nicht dauernd ihre Arbeit unterbrechen müssen, um Kunden zu bedienen, sondern nur alle paar Wochen ihre gesamte Produktion an einen Händler verkaufen.

Während Fernkaufleute wo immer möglich die Wasserwege zum Transport ihrer Waren benutzen, da diese schneller, billiger und sicherer sind, führt den Einzelhändler sein Weg in die Nachbarstädte meist über Land.

Als Transportmittel dienen einachsige Karren oder zweiachsige Wagen. Am häufigsten aber dürften Packtiere sein. Man muss sich klar machen, wie normal der Besitz und die Verwendung von Arbeitstieren im Mittelalter ist!

Pferde sind schneller als Esel und ein einzelnes Pferd kann auch mehr Last tragen. Allerdings verbraucht ein Esel pro Kilogramm Traglast deutlich weniger Futter als ein Pferd und ist zudem trittsicherer in schwierigem Gelände.

Entweder mietet der Einzelhändler einen Stand auf dem Wochenmarkt an, oder er verkauft seine Waren direkt von zu Hause aus. Dafür klappt er die Fensterläden seines Hauses als Verkaufstisch herunter oder als Dach herauf, worin die heutige Bedeutung des Wortes „Laden“ ihren Ursprung hat.

Messgeräte für die Warenmenge wie Waagen, Maßstäbe oder Messgefäße gehören zur Grundausstattung. Die Maßeinheiten, wie etwa Pfund, Unze und Lot für Gewichte, sowie deren Verhältnis zueinander sind fast überall gleich. Aber wie viel beispielsweise ein Pfund wiegt, kann sich von Stadt zu Stadt stark unterscheiden, auch wenn die Maße wichtiger Handelszentren wie etwa Köln oft zum Vorbild für die kleineren Städte der Region werden.

Die städtischen Eichgewichte werden im Rathaus aufbewahrt, die städtische Elle sowie die Abmessungen für Messgefäße sogar oft an der Außenwand des Rathauses angebracht.

Die gebräuchlichsten Münzen seiner Region, ihren Wert und ihr Verhältnis zueinander kennt der Einzelhändler auswendig.

Im Gegensatz zu heutigem Geld, wo eine 1€-Münze aus Material im Wert von einigen Cent besteht, sind mittelalterliche Münzen so viel wert, wie das Edelmetall, aus dem sie bestehen.

Um sich vor Falschgeld zu schützen kann der Händler die Münze entweder wiegen, oder er benutzt einen sog. „Prüfstein“. Bei diesem Hilfsmittel, das auch heute noch von Goldhändlern benutzt wird, handelt es sich um einen harten, glatten Stein (oft Schiefer), an dem die Münze gerieben wird. Am Abrieb, der auf dem Stein zurückbleibt, kann das geübte Auge erkennen, ob dem Silber andere Metalle zugesetzt wurden und in welcher Menge.

Zur „Buchhaltung“ des Einzelhändlers gehört neben einer Inventarliste der gelagerten Waren ein Rechnungsbuch.

In diesem werden Einnahmen und Ausgaben, Schulden und Guthaben (also Schulden, die Andere bei mir haben) einfach unsortiert in der Reihenfolge ihres Entstehens untereinander Aufgelistet. Beglichene Schulden werden durchgestrichen. Hier nicht den Überblick zu verlieren ist schwer.

Dennoch setzt sich die sog. „italienische Methode“ der doppelten Buchführung, bei der auf der einen Seite Einnahmen und Guthaben, auf der anderen Seite Ausgaben und Schulden notiert werden, im konservativen Norden nur Langsam durch.

Das Selbe gilt für die arabischen (oder eigentlich indischen) Ziffern, mit denen sich sehr viel schneller rechnen lässt und mit denen sich große Zahlen sehr viel platzsparender schreiben lassen, als mit den alten römischen Zahlen.

Auch diese Neuerung kann sich erst am Übergang zum 16. Jahrhundert wirklich durchsetzen, nicht zuletzt auf Betreiben des berühmten Rechenmeisters Adam Ries (NICHT Riese!).

Um 1300 aber rechnen die allermeisten Europäer noch mit römischen Zahlen auf dem Abakus, einem Rechenbrett, dessen genaue Anwendung den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würde.

Um bei kleineren Darlehen kein Teures Pergament für den Schuldschein zu verschwenden, benutzt man ein sog. „Kerbholz„.

Dabei handelt es sich um ein längliches Stück Holz, in das auf zwei gegenüberliegenden Seiten ein identischer Vertragstext eingekerbt wird. Dann wird das Holz der Länge nach gespalten, so dass Schuldner und Gläubiger jeweils eine Hälfte bekommen. Ein „Vertrag in doppelter Ausführung“, wie man heute sagen würde! Dieser Vertrag ist zudem ausgesprochen fälschungssicher, denn wenn beim Begleichen der Schuld beide Hälften wieder zusammengefügt werden passen nur die Originale, da sich das Naturmaterial Holz beim Spalten jedes Mal anders verhält.

Vielleicht ist diese Fälschungssicherheit der Grund, warum Kerbhölzer auch nach der Einführung des billigen Papiers noch bis in die Zeit Napoleons in Gebrauch bleiben, wo sie im codé civil noch als rechtsgültige Dokumente anerkannt sind!

Und dass jemand, der Schulden gemacht oder sonst etwas ausgefressen hat „etwas auf dem Kerbholz hat“ sagen wir bis heute.

Die Zunft

Im 12. Jahrhundert schließen sich in den ersten Städten Menschen, die der gleichen oder einer ähnlichen Arbeit nachgehen in Zünften zusammen. Diese auch als Gilde, Amt, Gaffel oder schlicht Bruderschaft bezeichneten Gemeinschaften sind zunächst religiöse Laienbünde, deren Mitglieder gemeinsam den Gottesdienst besuchen, für die Seelen Verstorbener beten und in eine gemeinsame Sozialkasse einzahlen.

Stirbt ein Mitglied, bezahlt die Zunft aus dieser Kasse das Begräbnis und unterstützt seine Witwe und die Kinder. Auch Mitglieder, die zu alt oder krank zum Arbeiten sind oder sonst irgendwie unschuldig in Not geraten bekommen finanzielle Hilfe. Die Treffen der Zunft, oft „Morgensprache“ genannt, dienen aber auch dazu, Neuigkeiten auszutauschen, aktuelle Ereignisse zu besprechen, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu pflegen, Geschäfte zu machen und Heiraten einzufädeln.

Mit der Zeit entwickeln sich die Zünfte zu Berufsgenossenschaften, die nach außen die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, ihnen aber auch strenge Regeln auferlegen.

So kontrolliert die Zunft die Qualität der gehandelten oder produzierten Waren, die Ausbildung der Lehrlinge, aber auch die gerechte Bezahlung und Behandlung von Angestellten durch ihren Meister.

Sie schreibt Preise fest und erlässt Verordnungen, die die Kunden vor Betrug, etwa durch falsche Gewichte, schützen sollen.

Um sicherzustellen, dass jeder jeder Meister von seiner Arbeit leben kann, legt sie mancherorts Obergrenzen für die Anzahl und Größe der Betriebe, sowie für die Menge der jeweils produzierten Waren fest.

Um den guten Ruf Aller zu schützen, achtet sie auf ein sittliches und standesgemäßes Verhalten ihrer Mitglieder.

Die Entwicklung der Zünfte verläuft von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich.

Gibt es in manchen Städten schon im 13. Jahrhundert ein voll entwickeltes Zunftwesen, so gibt es in anderen bis zum Ende des Mittelalters gar keine Zünfte. Und selbst da, wo es welche gibt, ist noch lange nicht jede Berufsgruppe bedeutend und mächtig genug, um eine Zunft zu bilden.

Als gegen Ende des Mittelalters und dann erst recht in der frühen Neuzeit das Wachstum der Städte ins Stocken gerät, schotten sich die Zünfte zunehmend ab, um sich vor der Konkurrenz durch andere Zünfte, aber auch durch Neuankömmlinge in der Stadt zu schützen.

Erst jetzt wird bis ins kleinste Detail abgesteckt, welche Zunft welche Arbeiten ausführen darf und erst jetzt wird die Aufnahme in die Zunft für jeden, dessen Eltern nicht schon Mitglieder waren immer weiter erschwert.

Die Wanderung von Gesellen, bisher immer freiwillig, wird verpflichtend. Das dient zwar einerseits dazu, das die Gesellen Erfahrung sammeln und von vielen verschiedenen Meistern lernen können, sorgt aber auch dafür das man die billigen Arbeitskräfte problemlos wieder loswerden kann, wenn man sie nicht mehr braucht. (Der Vergleich mit der heutigen Ausbeutung von Zeitarbeitern und Praktikanten drängt sich auf.)

Auch Frauen, die während des Mittelalters in den allermeisten Zünften das Geschäft ihres verstorbenen Ehemannes selbstständig weiterführen konnten und in vielen sogar ganz selbstverständlich eine Lehre machen, als Gesellin arbeiten und sogar Meisterin werden konnten, werden nun zunehmend als Konkurrenz zu den Männern gesehen und aus dem Berufsleben gedrängt.

Aus dieser Zeit stammt auch die strikte begriffliche Trennung zwischen der Zunft der Handwerker und der Gilde der Händler.

Im Mittelalter sind beide Begriffe austauschbar.

Die Gliederung des Einzelhandels

Im Einzelhandel wird grob unterschieden zwischen „Krämern“, die hauptsächlich mit Handwerksprodukten und Fernhandelsgütern handeln, und „Hökern“, die vor allem Lebensmittel aus der Region verkaufen.

Allerdings gibt es große Überschneidungen zwischen den beiden Gruppen, so dass die Unterscheidung im Einzelfall oft schwerfällt.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Krämer insgesamt wohlhabender sind, als die Höker und dort, wo sie mit ähnlichen Waren handeln, auch eher teurere und hochwertigere Produkte anbieten.

Es handelt sich hier allerdings nur um Durchschnittswerte. Ein geschäftstüchtiger Höker kann sehr viel besser gestellt sein, als ein unfähiger oder glückloser Krämer.

Der Krämer ist ursprünglich ein „Gemischtwarenhändler „, der vom einfachen Nagel bis zur venezianischen Elfenbeindose so ziemlich alles verkauft.

Mit der Zeit spezialisieren sich manche Krämer auf einzelne Warengruppen, aber gerade was einfache, billige Alltagswaren („Kram“ eben) betrifft, behält der Gemischtwarenhändler seine Daseinsberechtigung. Zumal es auch nicht zuletzt von der Größe einer Stadt abhängt, wie weit sich das Gewerbe spezialisieren kann, bevor die einzelnen Händler nicht mehr genug Käufer finden.

Abgesehen von der Aufteilung in Luxus- und Alltagswaren sind die wichtigsten spezialisierten Warengruppen um 1300:

1. Der Gewandschneider, der Stoffe verkauft. Sein Name kommt nicht etwa von „Gewand“ im Sinne von „Kleidungsstück“ sondern von der alten Bedeutung des Wortes, nämlich „Tuchbahn“. (Wie in „Leinwand“) Der Begriff weist darauf hin, dass sich der Kunde bei ihm als Einzelhändler die gewünschte Menge von dieser „Gewand“ abschneiden lassen kann, anstatt wie beim Fernhändler den ganzen Ballen kaufen zu müssen.

2. Der Gewürzkrämer, der neben Gewürzen auch andere importierte Lebens- und Genussmittel verkauft. Gewürzkrämer sind mit Abstand die wohlhabendsten Einzelhändler, wenngleich nicht annähernd so reich wie die großen Fernhandelskaufleute. Mancherorts nehmen sie auch die Aufgaben eines Apothekers war, während in anderen Städten die beiden Berufe streng getrennt sind.

Die ersten Höker, also Einzelhändler die sich auf lokale Lebensmittel spezialisieren, sind die Fischhöker.

Da diese Händler, die neben frischem Fisch auch andere schnell verderbliche Lebensmittel wie etwa ungesalzene Butter verkaufen, bei ihrer Arbeit ganz besonderen Wert auf Schnelligkeit und peinliche Sauberkeit legen müssen, machte eine gesonderte Organisation für sie schon früh Sinn.

„Fisch und Butter“ bleiben daher auch bis in die frühe Neuzeit ein Synonym für die Höker und ihre Waren als Ganzes.

Daneben gibt es noch:

1. Den Grünhöker, der frisches Obst und Gemüse sowie Küchenkräuter verkauft. Diese bekommt er von den Bauern aus der Umgebung, aber auch von Bürgern, die in ihren Gärten Pflanzen nicht nur für den Eigenbedarf anbauen, sondern auch als Nebenverdienst für den Verkauf.

2. Der Getreidehöker kauft den umliegenden Bauern ihre Ernteüberschüsse ab, wenn sie zum Markt kommen und versorgt die Stadt so mit dem Grundnahrungsmittel. Er ist unter den Hökern der Bestverdienendste, insbesondere wenn nach einer schlechten Ernte die Preise in die Höhe schnellen.

Anschließend sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass es neben den hauptberuflichen Einzelhändlern auch solche gibt, die nur nebenher einen kleinen Laden betreiben. Gerade viele Ehefrauen von Bürgern bessern so das Einkommen der Familie auf. Es gibt aber auch durchaus viele hauptberufliche Krämerinnen und Hökerinnen.

Abgrenzung zu anderen Händlern

Krämer und Höker grenzen sich nicht nur voneinander ab, sondern unterscheiden auch deutlich zwischen sich und anderen Arten von Händlern:

Der Fahrende Händler ist wirtschaftlich und sozial tief gefallen, seit die Bauern einfach in die nächste Stadt zum Markt gehen können und nicht mehr auf ihn angewiesen sind. Als Hausierer schlägt er sich mit dem Verkauf von billigsten Waren durch. Etwa Handwerksprodukte, die von den Bauern auf dem Land im Nebenerwerb hergestellt wurden und nicht den Qualitätsanforderungen der Zünfte entsprechen. Entweder verkauft er seine Waren auf dem Markt aus einem Bauchladen heraus, oder er zieht „von Haus zu Haus“ und bietet sie den Menschen an der Haustür an.

Hausierer haben damals keinen besseren Ruf als heute, weshalb sich Krämer und Höker bewusst von ihnen distanzieren und schon durch ihre Berufsbezeichnung auf ihre Sesshaftigkeit hinweisen:

Krämer leitet sich von „Kram“ ab, was ursprünglich „Zeltleinen“ meint. Der Krämer ist also jemand, der seine Waren nicht in einem Bauchladen sondern in einem ordentlichen überdachten Marktstand anbietet.

Auch der Höker „hockt“ auf seinen Waren, anstatt sie mit sich herumzutragen.

Auch die reichen Fernhändler grenzen sich nach unten ab.

Im Gegensatz zu den Einzelhändlern, die sich selten mehr als zwei Tagesreisen von ihrer Heimatstadt entfernen, Reist der Kaufmann quer durch Europa. Er muss mehrere Sprachen sprechen, weltoffen sein, politische Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf den Handel beachten, die von Ort zu Ort sehr unterschiedlichen Regelungen und Gesetze kennen und die ebenso unterschiedlichen Währungen und Maße gegeneinander aufrechnen können.

Zusammen mit den in der Stadt lebenden Adligen bilden sie die regierende Oberschicht der Stadt während Krämer und Höker auf einer rechtlichen Stufe mit den einfachen Handwerkern stehen.

Ein Kaufmann, der sich selbst als Krämer bezeichnet ist bescheiden und/oder selbstironisch. Ein Krämer, der sich als Kaufmann bezeichnet ist anmaßend und riskiert unter Umständen rechtliche Konsequenzen!

Allerdings sind die sozialen Grenzen nicht undurchdringbar: Ein Krämer, der es geschafft hat genug Geld anzusparen, um selbst in die Ferne zu reisen und von dort Waren für den Jahrmarkt zu importieren, wird auf diese Weise selbst zum Fernhändler und damit zum Kaufmann. Manch ein Reicher Kaufmann führt „Kramer“ als Familiennamen und erinnert damit an seine einfache Herkunft.

Zuletzt sei noch der Verleger genannt:

Dieser Kaufmann stellt Handwerkern im Voraus Arbeitsgeräte und Material zur Verfügung (er „legt“ es „vor“) und kauft ihnen die fertigen Produkte zu einem vertraglich festgelegten Stückpreis ab. Auf diese Weise kann unglaublich effizient produziert werden. Nur so ist es möglich, den zu dieser Zeit rasant steigenden Bedarf der europäischen Märkte vor allem an einfachen Tuchen und vorgefertigtem Material für die Stahlverarbeitung (Barren, Stangen, Bleche…) zu decken.

Im Gegensatz zur modernen Massenproduktion arbeiten die Handwerker im Verlag allerdings noch nicht alle unter einem Dach, sondern jeder zu Hause.

Da den Handwerkern weder Werkzeuge noch Rohstoffe gehören, sind sie vom Verleger absolut abhängig. Nicht wenige Verleger nutzen das aus, um nach Belieben die Preise zu drücken oder die Produktionsmengen zu erhöhen.

Es gibt bemerkenswert viele fromme, wohltätige Stiftungen von Verlegern, die auf dem Sterbebett offensichtlich das Gewissen und die Angst vor dem göttlichen Gericht plagten.

Heute hat sich das Verlagswesen noch bei der Produktion von Büchern gehalten. Der Verlag übernimmt im Voraus die Kosten für den Druck, die Bindung das Marketing und den Verkauf. Dafür zahlt er dem Autor einen festgelegten Betrag pro verkauftes Buch.

Der Markt

Ganz einfach gesagt: Auf dem Markt kommen Menschen zusammen, um Geld und Waren auszutauschen.

Neben die großen Fernhandelsmärkte treten im Hochmittelalter als neues Element die Wochenmärkte.

Hierher kommen die Bauern aus dem Umland um ihre Ernteüberschüsse zu verkaufen. Aber auch Handwerker und Einzelhändler, die keinen Laden im eigenen Haus haben, bieten hier ihre Waren an.

Der Wochenmarkt ist für die Versorgung einer Stadt überlebensnotwendig und versteht sich schon deshalb von selbst.

Das Recht, einen Jahrmarkt abzuhalten, ist allerdings ein Privileg, das der Stadt erst durch ihren Herrn verliehen werden muss.

Denn der Stadtherr ist verantwortlich für den Schutz des Marktes und seiner Besucher. Wird ein Kaufmann auf dem Weg zum oder vom Markt überfallen, bekommt er den Wert seiner geraubten Güter ersetzt.

Politische Konflikte ruhen während des Marktes: Kaufleute und Besucher aus Gebieten, die miteinander oder sogar mit dem Stadtherren selbst im Krieg stehen, können den Markt besuchen, ohne um ihr Wohlergehen fürchten zu müssen. Es herrscht „Marktfrieden“.

Dieser Aufwand lohnt sich für den Stadtherren:

Zum einen müssen fremde Händler, die ihre Waren auf den von ihm geschützten Wegen transportieren, dafür an mehreren Stationen entlang des Weges Zoll zahlen während sich die Bürger seiner eigenen Städte in seinem Gebiet normalerweise zollfrei bewegen können.

Zum anderen erhebt er auf alle in der Stadt verkauften Waren eine „Akzise“, eine Steuer in Höhe eines bestimmten Prozentanteils vom Verkaufswert oder, wie wir heute sagen würden, eine Mehrwertsteuer.

Um das vom Stadtherren verliehene Marktrecht zu symbolisieren, schreibt der Sachsenspiegel vor, auf dem Marktplatz ein Holzkreuz zu errichten, an dem ein zu diesem Zweck vom Stadtherren gesandter Handschuh befestigt ist.

Handschuhe begegnen uns im 13. Jahrhundert häufig als Symbol für Segen, aber auch für herrschaftliche Macht und herrschaftliche Rechte. Zusammen mit seinem Handschuh übergibt er der Stadt symbolisch ein ebensolches Recht, zusammen mit seinem Segen.

Im Hanseraum wird es im 14. Jahrhundert üblich, auf dem Marktplatz einen „Roland“ aufzustellen, eine überlebensgroße Figur des gleichnamigen Heiligen, die mit blankem Schwert in der Hand über die Stadt und ihre Rechte, einschließlich des Marktrechts, wacht.

Jahrmärkte finden oft zeitgleich mit einem bedeutenden Kirchenfest statt und werden deshalb auch „Messe“ genannt. Fast immer ist der Jahrmarkt auch ein großes Volksfest, bei dem es neben den Ständen der Händler auch Imbissbuden und Unterhaltungskünstler gibt. Ganz zu schweigen von Huren, Bettlern und Dieben.

Während des Jahrmarktes werden die strengen Monopole der Zünfte gelockert. Waren, deren Verkauf normalerweise nur Zunftmitgliedern erlaubt ist, dürfen an diesen Tagen von allen gehandelt werden.

Das ist einerseits notwendig, damit die Fernhändler überhaupt arbeiten können, andererseits können so aber auch viele Menschen aus der Region Dinge verkaufen, die sie das Jahr über gefertigt haben, um sich etwas dazu zu verdienen.

Für die Wochenmärkte gilt diese Ausnahme jedoch nicht. Wo es eine Zunft der Grün- oder Getreidehöker gibt, dürfen die Bauern ihre Ernte nicht selbst auf dem Markt anbieten, sondern müssen sie an die Höker verkaufen.

Die Bauern können gut damit leben, sie hätten meist ohnehin keine Zeit, den ganzen Markt über am Stand zu stehen und zu Hause bei der Arbeit zu fehlen.

Für die Fernkaufleute lohnt sich nur der Jahrmarkt. Hier bieten sie ihre Waren zwar auch den Endverbrauchern in „haushaltsüblichen“ Mengen an, den weitaus größten Teil ihres Gewinns machen sie aber mit dem Verkauf „en masse“ an andere Kaufleute, an die örtlichen Einzelhändler und an die Oberschicht, die nach wie vor lieber den ganzen Jahresvorrat auf einen Schlag und damit letztlich günstiger einkauft.

Natürlich kaufen sie auch selbst wieder Waren ein, von den anderen Kaufleuten, aber auch von den lokalen Handwerkern und Einzelhändlern, die dadurch ebenfalls vom Jahrmarkt profitieren.

Für einen Krämer, der mit Fernhandelsgütern handelt, hat es keinen Sinn, auf dem Jahrmarkt einen Stand aufzumachen. Er kann schließlich schlecht mit den Preisen der Fernhändler konkurrieren, von denen er selbst seine Waren bezieht. Er ist zum einkaufen dort, um sein Warenlager wieder aufzufüllen.

Findet der Jahrmarkt allerdings in seiner eigenen Heimatstadt statt, muss er bis zu dessen Ende warten, bis er den Kaufleuten das abkaufen darf, was sie während des Marktes nicht losgeworden sind. Fremde Händler dürfen auch schon während des Marktes so viel kaufen, wie sie wollen. Sie dürfen es nur nicht am selben Ort wieder verkaufen. Durch dieses Verbot des sogenannten „Vorkaufs“ soll verhindert werden, dass beispielsweise einige Gewürzkrämer kurz nach Beginn des Marktes sämtlichen Pfeffer aufkaufen und daraufhin die Preise diktieren können. Wenigstens einmal im Jahr sollen die Stadtbewohner selbst die Gelegenheit haben, Fernhandelsgüter zu den günstigen Preisen der Fernhändler zu kaufen.

Ein Krämer, der für seinen Laden größere Warenmengen braucht als das, was vom Jahrmarkt übrig bleibt, muss das Jahr über die Jahrmärkte in den Nachbarstädten besuchen.

Bei Geldwechslern können die Kaufleute ihre Münzen aus aller Herren Ländern gegen andere Währungen umtauschen. Abzüglich einer gewissen Gebühr, versteht sich. Auf den größten Messen gibt es sogar eine eigene Marktwährung, die nur während der Messe gilt, dann aber die einzige Währung ist, die benutzt werden darf.

Während des Marktes tagt ein spezielles Marktgericht. Es behandelt im Eiltempo Rechtsstreitigkeiten, an denen Kaufleute oder Marktbesucher beteiligt sind, damit nach Ende des Marktes alles geklärt ist und jeder seiner Wege ziehen kann.

Was Ablauf und Organisation betrifft, sind Jahr- und Wochenmärkte einander ziemlich gleich: Der Markt läuft normalerweise über mehrere Tage, Anfang und Ende sind fast immer mittags.

Die Verkaufsstände gehören der Stadt und werden von den Händlern angemietet. Es gibt verschiedene Klassen von Ständen zu unterschiedlichen Preisen:

Die billigste Variante ist einfach nur ein Stellplatz, wo der Verkäufer seine Waren auf einem Tisch (manchmal improvisiert, etwa aus einem Fass und einem Brett) oder auch nur auf einer Decke auf dem Boden präsentieren kann.

Auf besseren Standplätzen steht ein Wetterschutz in Form einer aufgespannten Zeltplane oder sogar eine hölzerne Verkaufsbude.

In den wohlhanderen Städten gibt es zudem eine oder sogar mehrere Verkaufshallen, wo besonders wertvolle und/oder empfindliche Waren präsentiert werden können, optimal geschützt vor Wetter, Schmutz und Straßenlärm. Oft ist eine Verkaufshalle im Erdgeschoss des Rathauses untergebracht, besonders reiche Städte bauen zu diesem Zweck aber auch eigene „Kaufhäuser“.

Der genaue Platz innerhalb einer Preisklasse wird ausgelost, wobei die besten Plätze manchmal für die einheimischen Verkäufer reserviert sind.

Der Marktvogt ruft Anfang und Ende des Marktes aus, kontrolliert Gewichte und Messgeräte sowie die Qualität der Waren, insbesondere bei frischen Lebensmitteln, sammelt am Ende des Marktes Standgebühren und Akzise ein und sorgt auch sonst für einen friedlichen und geregelten Ablauf.

Obwohl hier immer von Städten die Rede ist gibt es durchaus auch Dörfer, in denen Wochen- und sogar Jahrmärkte abgehalten werden. Diese Dörfer mit Marktrecht werden auch „Marktflecken“ genannt. Entweder sind sie groß genug und beherbergen genug Menschen, dass sich ein differenziertes Gewerbe bilden konnte, oder sie liegen an der Kreuzung zweier Handelswege, sodass sich Kaufleute hier treffen um miteinander zu handeln.

So oder so: Es gibt Städte ohne Marktrecht und Dörfer mit. Was eine kleine Stadt von einem großen Dorf unterscheidet, ist die Selbstverwaltung, nicht der Markt.

Fernhandel

Die damals bekannte Welt ist im hohen und späten Mittelalter sehr viel enger vernetzt, als man heute oft glaubt.

Der Handel verbindet die Kontinente Europa, Afrika und Asien. Die legendäre Seidenstraße (eigentlich ein Geflecht von Straßen), die den äußersten Osten Asiens mit den Grenzen zu Europa verbindet, erlebt um 1300 unter der Pax Mongolica, dem inneren Frieden im mongolischen Großreich, eine neue Blüte. Im indischen Ozean fahren Seeleute bis zu den Inseln Indonesiens, im arabischen Meer bis nach Sansibar. Karawanen durchqueren die Sahara, um aus dem sagenumwobenen Timbuktu in Zentralafrika Elfenbein, Natron und Gold zu holen. Über Nord- und Ostsee fahren deutsche Kaufleute nach England, Russland, Skandinavien und sogar Island. Das Mittelmeer schließlich verbindet seit jeher alle 3 Erdteile.

Die Waren, die auf den europäischen Jahrmärkten gehandelt werden, stammen aus einem geschlossenen Handelsraum, der sich von der Elfenbeinküste bis nach Südostasien und von dort bis nach Island erstreckt!

Auf diesen Wegen reisen nicht nur Waren, sondern auch Wissen und Ideen. Schwarzpulver, indische Zahlen und chinesisches Papier gelangen so im Mittelalter zu uns.

Natürlich reist kein Kaufmann den ganzen weg vom Niederrhein nach Indien, um dort Pfeffer zu kaufen. Wie bei einem Staffellauf legt jeder Kaufmann nur ein relativ kleines Stück des langen Weges zurück.

Um beim Beispiel des Pfeffers zu bleiben: Den kaufen indische Kaufleute bei den lokalen Produzenten und bringen ihn ins berühmte Samarkand an der Grenze zu Persien. Dort kaufen ihn persische Kaufleute und bringen ihn nach Damaskus, von wo ihn syrische Kaufleute nach Jaffa bringen und ihn dort an italienische Kaufleute verkaufen. Von denen kaufen ihn in Venedig süddeutsche Kaufleute, um ihn in Nürnberg an rheinische Kaufleute verkaufen, die ihn nach Köln bringen. Auf dem Jahrmarkt in Köln schließlich kauft ihn ein Krämer aus einer der Nachbarstädte, bringt ihn in nach Hause und verkauft ihn in seinem Laden endlich an den Endverbraucher.

Jeder dieser Zwischenhändler will natürlich Geld verdienen und seine Ware teurer verkaufen, als er sie eingekauft hat. Dadurch hat sich der Preis der Ware auf dem Weg vervielfacht, zumal es deutlich mehr Zwischenhändler werden können, als die 7 in unserem Beispiel.

Kaufleute aus Norddeutschland, die zum selben Ziel reisen und idealerweise auch noch mit den gleichen Waren handeln, beginnen schon im 12. Jahrhundert, sich in Zweckgemeinschaften zusammen zu schließen, den sog. „Hansen“ (von „Hansa“ – mittelniederdeutsch für „Gemeinschaft“). In diesen Hansen, die zunächst immer nur für die Dauer einer gemeinsamen Handelsreise bestehen, teilen die Mitglieder Informationen und Kontakte, sowie die Kosten für Transport und Unterkunft. Sie versichern sich gegenseitig gegen den Verlust ihrer Waren, investieren gemeinsam und treten bei Verhandlungen gemeinsam auf. Mitte des 14. Jahrhunderts schließen sich die bedeutendsten Handelsstädte Norddeutschlands nach dem Vorbild dieser Kaufmannsbünde zur „Städtehanse“ zusammen.

Die meisten Kaufleute um 1300 bringen ihre Waren noch selbst von einer Messe zur anderen. Doch die reichsten und mächtigsten unter ihnen beginnen sich niederzulassen und „Vertreter“ in die Handelsmetropolen Europas zu senden. So ein Vertreter, etwa in Florenz, kauft im Auftrag seines Meisters Seidenstoffe und schickt sie zu ihm nach Brügge. Von dort schickt dieser ihm Anweisungen und Flämisches Wolltuch, das er nun wieder verkaufen soll.

Anstatt selbst zu reisen, behält der Kaufmann von zu Hause aus die Entwicklung von Märkten, Zöllen und Preisen im Auge und gibt seinen Vertretern entsprechende Anweisungen.

Den Transport von Waren und Briefen übernehmen professionelle Spediteure. Aus dem Händler ist ein Unternehmer geworden. Aus seinem Geschäft ein „Handelshaus“.

Gewürze

Allgemein:

Dieses Kapitel beschäftigt sich ausschließlich mit Importgewürzen, den sog. „Spezereien“ (von „speziell“). “ Gewürz “ meint ursprünglich im Gegensatz dazu die einheimischen Würzkräuter. („Gewürz “ kommt von „Wurzel“ und ist, gerade im Kontrast zu den Spezereien leicht abwertend gemeint.) Dieselbe Unterscheidung gibt es heute noch im Englischen zwischen „spices“ und „herbs“ (Kräuter).

Es werden hier ganz bewusst keine Angaben gemacht, welche Gewürze im Einzelnen zu welchen Lebensmitteln verwendet werden.

Im Mittelalter kombiniert man gerne unterschiedlichste, geradezu gegensätzliche Geschmäcker miteinander. Pfeffer wird an Süßspeisen gegeben, Zimt an Fleisch. Auch zum Färben der Lebensmittel werden die Gewürze benutzt.

Es ist Mode den Geschmack, die Farbe, die Beschaffenheit usw. der Lebensmittel so zu verändern, dass die einzelnen Zutaten im fertigen Gericht nicht mehr zu erkennen sind. Die Gäste haben Spaß am Rätselraten und es gilt als hohe Kunst des Koches, seine Gäste immer wieder in die Irre zu führen und zu überraschen.

Wer kann, würzt sehr stark, nach unserer Gewohnheit sogar viel zu stark. Das dient nicht etwa dazu, den fauligen Geschmack von verdorbenem Fleisch zu überdecken, wie leider immer noch oft behauptet wird. (Wer sich bergeweise exotische Gewürze leisten kann, kann sich auch frisches Fleisch leisten.)

Stattdessen ist der verschwenderische Umgang mit Gewürzen ein weg, den eigenen Wohlstand zur Schau zu stellen. Und vielleicht müssen wir uns einfach mit der Möglichkeit abfinden, dass es den Leuten damals schlicht und ergreifend so geschmeckt hat.

Spezereien werden getrocknet und nach Möglichkeit im Ganzen transportiert, um möglichst lange zu halten. So werden sie auch verkauft, weshalb in jede mittelalterliche Küche ein Mörser gehört. Anstatt die Gewürze zerkleinert ins Essen zu geben ist es gerade bei flüssigen Speisen auch üblich, sie im Ganzen in einem Leinensäckchen ins kochende Wasser zu hängen wie einen Teebeutel, wodurch sie sich öfter verwenden lassen.

Salz (Hanseraum – vor allem Lüneburg, Alpenraum, französische Atlantikküste)

Salz benötigt der Mensch zum Leben. Seit wir Bauern und Viehzüchter geworden sind, und uns nichtmehr hauptsächlich von Fleisch ernähren, müssen wir es unserer Nahrung von außen zufügen. Salz ist deshalb eines der ältesten Handelsgüter der Menschheit, wenn nicht sogar das Älteste.

Ortsnamen in Süddeutschland, die das keltische Wort „Hal“ für Salz enthalten, weisen auf eine Verbindung zum Salzbergbau oder Salzhandel hin.

Im Ostseeraum, vor Allem in Lüneburg wird seit dem 12. Jahrhundert salzhaltiges Grundwasser, die sog. „Sole“, zutage gefördert und in großen Pfannen, den „Salinen“, verdampft. Durch die Salzgewinnung wird Lüneburg reich, verfeuert aber auch fast sämtlichen Wald seines Umlands in den Salinen. Die Lüneburger Heide entsteht. An der französischen Atlantikküste wird bis heute Salz aus Meerwasser gewonnen, das in große Becken geleitet wird, wo es in der Sonne verdunstet.

Salz ist um 1300 zwar eindeutig teurer als heute (es käme wohl niemand auf die Idee, vereiste Wege damit zu streuen), aber auch der ärmste Bauer kann (und muss) sich genug davon für seine Suppe und sein Brot leisten. Tatsächlich ist der Salzverbrauch pro Kopf sogar 6mal so hoch, wie heute! Das liegt hauptsächlich daran, dass Salz das mit Abstand wichtigste Konservierungsmittel der Zeit ist. Das „weiße Gold“ verdankt seinen Namen weniger dem hohen Preis, als der gigantischen Nachfrage, die den Salzhandel so lukrativ macht.

Zucker (Ägypten und Syrien)

Wird hauptsächlich in Form von Zuckerhüten gehandelt. Die Form entsteht bei der Verarbeitung. Zuckerrohr wird zerkleinert und ausgekocht. Der dabei austretende Sirup wird in konische Behälter gefüllt, die ein kleines Loch in der Spitze haben. Durch dieses Loch fließt die Flüssigkeit ab, während der feste Zucker zurückbleibt. Gießt man nun noch mehrmals Sirup nach, nimmt die Flüssigkeit beim Durchsickern Fremdstoffe mit und reinigt dadurch den Zucker.

Diese „Hutreinigungsmethode“ ist spätestens seit dem alten Babylon nachweisbar.

Zum Zerkleinern der harten, gut lager- und transportierbaren Hüte gibt es in den Haushalten der Oberschicht reich verzierte kleine Hämmerchen.

Die Gewinnung von Zucker aus Rüben wird erst im 19. Jahrhundert entwickelt.

Safran (naher Osten, seit Ende 13. Jhdt. Südeuropa)

Bis heute teuerstes Gewürz der Welt. Blütenfäden einer Krokusart, die von Hand gepflückt werden müssen. Wird auch zum Färben, nicht nur von Essen, sondern auch von Kleidung verwendet.

Von Betrügern oft durch Färberdistel ersetzt.

Pfeffer (Indien)

Mit Abstand beliebtestes und meistgehandeltes Importgewürz des Mittelalters. Daher „Pfeffersack“ als abwertender Spitzname für reiche Kaufleute.

Langer Pfeffer (Indien)

Und

Kubebenpfeffer (Indien)

Ebenfalls beliebt. Mit dem Pfeffer verwandt.

Ingwer (Indien, Westchina)

Kardamom (Indien)

Zimt (Indien, Sri Lanka – „Ceylon“)

Muskatnuss (Molukken – „Gewürzinseln“)

Muskatblüte „Macis“ (Molukken)

Eigentlich die Samenhaut um die Nuss. Heute Abfallprodukt. Im Mittelalter als billiger Ersatz verwendet.

Gewürznelken (Molukken)

Galgant „Thai-Ingwer“ (China, Thailand)

Paradieskörner (Westafrika)

Streng genommen keine Gewürze, aber auch von Spezereien-Händlern vertrieben:

Reis (Italien)

Eher Rund- als Langkorn

Rosinen (Italien)

Mandeln (Italien)

Zitrusfrüchte (Italien, Spanien)

Advertisements