Dezentralisierung: DAS Merkmal einer Epoche.

Meiner Ansicht nach DAS wichtigste Merkmal des Mittelalters, aber eigenartigerweise ein Begriff, der in populärwissenschaftlichen Büchern über die Epoche kaum vorkommt.
Was bedeutet Dezentralisierung?

In einem zentralisierten Staat, wie etwa dem Imperium Romanum sind die politische Macht und die wirtschaftlichen Mittel auf einen zentralen Punkt hin ausgerichtet.
Die Regierungen der einzelnen Provinzen sind in ihren Entscheidungen nicht frei, sondern an die Vorgaben aus Rom gebunden und auch die Steuern müssen zu einem großen Teil an Rom abgeführt werden.

Ganz anders in einem dezentralisierten System, wie etwa dem mittelalterlichen Feudalismus:
Ohne die komplexen Verwaltungstrukturen und den umfangreichen Beamtenapparat der Antike kann ein mittelalterlicher Machthaber nur einen gewissen Teil seines Gebietes („Hausgut“ oder „Domäne“ genannt) direkt kontrollieren. Hier setzt er sogenannte „Vögte“ ein, also Beamte, die ihm direkt Rechenschaft schuldig sind und Steuern für ihn eintreiben.
Den Rest seiner Ländereien vergibt er als Lehen an sogenannte Vasallen, die weitgehend unabhängig sind, solange sie für Recht und Ordnung sorgen, das Gebiet gegen Feinde verteidigen und für den Kriegsfall eine Bestimmte Anzahl gut ausgebildeter und gerüsteter Krieger bereitstellen und diese selbst als Ritter anführen. Dafür können sie den Großteil der Einnahmen aus ihrem Gebiet behalten und zahlen selbst keine Steuern an ihren Lehnsherren.
Dieser erhält also aus den als Lehen vergebenen Ländereien nur wenig Einkünfte und muss deshalb mit sehr begrenzten wirtschaftlichen Mitteln arbeiten.

Das ändert sich erst wieder am Ende des Mittelalters, als die Wiedereinführung des „Römischen Rechts“, zusammen mit einer wieder deutlich komplexer gewordenen Verwaltung, den Fürsten nicht nur ermöglicht, wieder deutlich mehr politische Kontrolle über ihre Vasallen auszuüben, sondern auch wieder einen wesentlich größeren Teil der Einnahmen aus deren Ländereinen für sich zu beanspruchen. Der typische Renaissancefürst, wie Machiavelli ihn uns beschreibt, ist geboren.

Macht und Ressourcen sind im Mittelalter also sehr viel großflächiger verteilt, als in den Zeiten direkt davor und danach.
Diese Tatsache ist meiner Ansicht nach eines der entscheidendsten, wenn nicht DAS entscheidendste Merkmal der ganzen Epoche und wir werden noch sehen, dass sie Vieles bestimmt, was das Mittelalter im Guten wie im Schlechten auszeichnet.

In einer Zeit klammer öffentlicher Kassen ist das für uns wohl nachvollziehbarste Problem, dass mittelalterliche Machthaber nicht in der Lage sind, große öffentliche Ausgaben zu finanzieren.
Dass uns aus dem Mittelalter keine Amphitheater, Aquädukte oder riesige Thermen bekannt sind, liegt weniger daran, dass man nicht mehr das Wissen oder die Fähigkeiten gehabt hätte, sie zu bauen, sondern schlicht und ergreifend daran, dass den Landesherren die dafür nötigen Mittel fehlten.
Aufgaben, die heute fest in staatlicher Hand sind, wie etwa die medizinische Versorgung, Bildung, Gewerbeaufsicht, oder die soziale Fürsorge für Arme und Kranke werden entweder von der Gemeinschaft selbst übernommen, oder von der einzigen Institution, die nach dem Fall des Römischen Reiches noch über eine europaweite, zentralisierte Organisation verfügt: Die Katholische Kirche.

Heutzutage sind wir daran gewöhnt, dass jeder Mensch unveräußerliche Rechte hat, die vom Staat garantiert werden. Der mittelalterliche Mensch hat nur die Rechte, die ihm seine Gemeinschaft garantiert. Ob es sich dabei um die Dorfgemeinschaft des Bauern, die Ordensgemeinschaft des Mönches, die Zunft des Handwerkers oder die Standesgenossen des Adeligen handelt, der Mensch ist auf den Schutz und die Fürsorge seiner Gruppe angewiesen.
Selbst vor Gericht hängen seine Rechte stark vom Ansehen und der Macht der Gemeinschaft ab, zu der er gehört.
Ohne die Gruppe ist man rechtlos oder „vogelfrei“ und so ist es überlebenswichtig, sich an die Regeln und Normen der Gruppe zu halten.
Individualisten haben es im Mittelalter schwer. Wer sich nicht darum schert, was seine Nachbarn von ihm halten, steht schnell ohne Schutz und ohne Verbündete da.

Das selbe gilt für die Kirche: Sie übernimmt nicht nur dank ihrer immensen Wirtschaftskraft viele öffentliche Aufgaben, die Herrscher Europas sind auf ihr Organisationsnetz und ihren Verwaltungsapparat angewiesen, um ihre Reiche effizient regieren zu können.
Allerdings ist dafür erforderlich, dass alle Untertanen eines Herrschers Mitglieder der Kirche sind.
Dadurch ist ein Abfall vom Glauben gleichzeitig ein Akt politischer Rebellion und wird entsprechend bekämpft, wie etwa die ketzerische Bewegung der Katharer Anfang des 13ten Jahrhunderts.
Auch heidnische Völker wie die Sachsen oder die Pruszen wurden nach der Eroberung durch christliche Reiche zwangsbekehrt, um auf ihrem vorher nur durch Stammesverbände geordnetem Gebiet die kirchlichen Verwaltungsstrukturen nutzen zu können.

Es gibt kein zentral verwaltetes stehendes Heer. Im Kriegsfall müssen erst die kleinen Truppen der ritterlichen Vasallen gesammelt werden, um eine Armee zu bilden.
Das macht es unmöglich, das gesamte Gebiet einer Herrschaft dauerhaft zu überwachen und gegen Eindringlinge oder Räuber zu schützen.
Stattdessen beschränkt man sich auf den Schutz der Siedlungen und ihres direkten Umfelds und macht erst jagd auf Räuber, wenn sich Meldungen über Überfälle in einem bestimmten Gebiet häufen.

Zwischen den unabhängigen kleinen und größeren Vasallen kommt es häufig zu Streitigkeiten, die in militärische Konflikte (sogenannte „Fehden“) ausufern können. Der Lehnsherr hat selten die Macht, das zu verhindern.
Diese Konflikte sind zwar zeitlich und räumlich deutlich begrenzter, als etwa die Kriege des Absolutismus, dafür aber sehr viel häufiger.
Durch das schon erwähnte Fehlen eines stehenden Heeres bestehen diese Auseinandersetzungen auch nicht aus Scharmützeln zwischen Grenztruppen, sondern aus Raubzügen tief in feindliches Territorium, die vor allem die Zivilbevölkerung treffen.

Künste und Wissenschaften werden zwar entgegen der allgemeinen Vorstellung durchaus gefördert (vor allem von der Kirche), aber nicht im Ansatz in dem Ausmaß, wie es später die Fürsten- und Königshöfe der Reanissance können.

Auf der anderen Seite ist es die schwache Zentralgewalt, die es den einfachen Ständen ermöglicht, vom Wirtschaftlichen Aufschwung des hohen und späten Mittelalters zu profitieren.

Überall in Europa werden Wälder gerodet und neues Ackerland erschlossen. Zwischen den Jahren 1200 und 1300 verzwanzigfacht sich die Anzahl der Städte in Deutschland! Und diese Städte werden rasant schnell größer. In den zu Beginn des Hochmittelalters vergleichsweise dünn besiedelten slawischen Gebieten östlich der Elbe werben die Fürsten um Siedler aus dem Westen.

Obwohl auch die Bevölkerung Europas rasch wächst, übersteigt die Nachfrage nach Arbeitskräften schnell das Angebot.
Die Werber aus dem Osten bieten Land, das die Siedler als freihe Pächter bebauen können, nicht als Hörige. Und sie bieten Freiheit von Abgaben für die ersten Paar Jahre nach der Siedlungsgründung.
Die Städte versichern jedem Unfreien, der es schafft, sich „Jahr und Tag“ innerhalb der Stadmauern aufzuhalten, ohne dass sein Herr ihn zurückfordert, die Freiheit.
Das führt dazu, dass Grundherren gezwungen sind, ihren Bauern mehr und mehr Zugeständnisse zu machen, damit diese sich nicht wortwörtlich „vom Acker machen“ und sich anderswo Arbeit zu besseren Bedingungen suchen.

Als Unfreie ist ihnen das zwar verboten, aber was soll ihr Herr tun? Er hat nicht genug Männer unter Waffen, um seine Ländereien rund um die Uhr zu bewachen und erst recht nicht die Mittel, einen entflohenen Untertanen zu suchen.

Es gibt sogar Fälle (und garnicht mal so wenige), in denen Dörfer und Städte sich bei einem anderen Herren über die schlechte Behandlung beschweren und ihn fragen, ob er nicht lieber ihr neuer Herr wäre. Der so um Hilfe gebetene hat damit einen gesellschaftlich akzeptierten Vorwand, ihrem bisherigen Herren die Fehde zu erklären. Manche Städte und Dörfer sammeln so im Laufe der Zeit durch strategisch klugen Seitenwechsel eine beachtliche Menge an Privilegien und Freiheiten an.
Manche Stadt kann durch ihre immense Wirtschaftsmacht ihren Herrn noch weiter unter Druck setzen, ihr noch mehr Rechte zu gewähren und einigen gelingt es sogar zu „freien Reichsstädten“ zu werden, die nurnoch dem Kaiser Untertan sind.

Die Standesgrenzen sind durchlässiger, als man heute gemeinhin annimmt. Tellerwäschergeschichten vom Leibeigenen zum Ritter sind selten (auch wenn sie vereinzelt vorkommen), aber innerhalb von ein Paar Generationen, die jede einen kleinen Schritt nach oben auf der sozialen Leiter machen, sind bemerkenswerte Aufstiege (und Abstiege) einer Familie möglich. Gerade die Städte bieten hier viele Möglichkeiten. Dass dieser Aufstieg nur den wenigsten gelingt, versteht sich von selbst. Aber es kommt eben doch häufiger vor, als man auf den ersten Blick annehmen würde.

Fehden sind häufig, aber aufgrund der sehr begrenzten Ressourcen des Adels normalerweise kurz und auf ein kleines Gebiet beschränkt. Das macht es für die Menschen, die das Pech haben, in diesem Gebiet zu Leben, natürlich nicht besser. Aber es sorgt dafür, dass die Chance, dass es in absehbarer Zeit ausgerechnet MEIN Dorf ist, das in Flammen aufgeht, relativ gering ist.
Jahrelange Kampfhandlungen, die ganze Landstriche verwüsten und entvölkern sind extrem selten und werden erst mit den Söldnerheeren der Renaissancefürsten zur Norm.

Zusammenfassend kann man sagen dass im feudalen System mit seiner schwachen Zentralgewalt das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten weniger von absoluter Abhängigkeit Ersterer von Letzeren sondern von einem komplexen Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten geprägt ist. Jeder Teil der Gesellschaft ist auf die anderen Teile angewiesen und sich dessen auch durchaus bewusst.
DAS ist es, was die so genannte „drei-Stände-Lehre“ aussagt: Die Betenden, die Kämpfenden und die Arbeitenden leisten jeweils einen unverzichtbaren Beitrag für die beiden anderen Stände. Es ist bezeichnend, dass erst in der frühen Neuzeit diesen Ständen Nummern zugeordnet wurden, die eine Rangfolge andeuten. Im mittelalterlichen Ideal sind die Stände gleich wichtig und gleichwertig (auch wenn letztendlich natürlich der Betende und der Kämpfende Stand über den Arbeitenden herrschten. Die drei-Stände-Lehre war ein Ideal, keine beschreibung des ist-Zustandes).
Und doch trennt Thomas von Aquin in seinem Kommentar zu Platons Staatenlehre die Monarchie (womit er den Feudalismus meint, in dem er lebt) scharf von der Diktatur und macht den Unterschied daran fest, dass in der Monarchie der Herrscher auf die Unterstützung und Billigung seiner Untertanen angewiesen ist, um regieren zu können.

Am Ende des Mittelalters treffen mehrere Faktoren zusammen, die die Verhälnisse wieder grundlegend verändern:
Die Zugeständnisse, die er seinen Bauern machen musste, zusammen mit der „Agrarkrise des Spätmittelalters“ haben den Landadel sehr geschwächt. Gleichzeitig hat sich die fürstliche Kanzlei so weit entwickelt, dass sie nun wieder in der Lage ist, ein großes Gebiet flächendeckend zu verwalten. Die Fürsten unterwerfen die eigenmächtige Politik ihrer Vasallen mit der Wiedereinführung des „Römischen Rechts“ wieder in viel größerem Ausmaß als bisher ihrem Gesetz und Befehl. Und sie beginnen wieder Steuern in den Ländereien ihrer Vasallen zu erheben, die die Bevölkerung zusätzlich zu den Abgaben an ihren Grundherren zahlen muss.

Die schon erwähnte Agrarkrise, ausgelöst durch den Beginn der „kleinen Eiszeit“ verschiebt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem europäischen Arbeitsmarkt wieder, sodass Arbeitskräfte problemlos ersetzbar werden. Dem Fürsten kann es also herzlich egal sein, ob alle seine Untertanen durch den nächsten Winter kommen, er hat kein Problem neue Leute zu finden, die seine Felder bestellen.
Dieser Überfluss an Arbeitskräften führt dazu, dass es einem Bauern nichts mehr bringt, zu fliehen und sich anderswo Arbeit zu suchen, denn Überall gibt es schon genug Andere, die keine finden.
Und selbst wenn er es versuchen würde: Die Fürsten haben im Gegensatz zu ihren Vasallen mittlerweile durchaus die nötigen Ressourcen, um flüchtige Unfreie zu verfolgen und zurück zu ihrem Herrn zu schleifen. In jeder Stadt und jedem Landgericht sitzt ein Beamter des Fürsten, der nicht nur darauf achtet, dass Stadtverwaltungen und Landadel nicht gegen seine Weisungen verstoßen, sondern auch bei jedem Neuankömmling prüfen, ob er zu der Beschreibung eines kürzlich als entlaufen gemeldeten Unfreien passt.

Zwar werden die großen Residenzstädte und wichtige Produktionszentren von den Fürsten gefördert, aber für viele mittlere und kleinere Städte bedeuten die politischen Entwicklungen den Abstieg. Ebenso ergeht es im Laufe der Zeit vielen Landadeligen, denen es nicht gelungen ist, sich als Offiziere, Beamte oder Diplomaten für ihren Landesherren nützlich zu machen.
Der bürgerliche wie ritterliche „Mittelstand“ wird zu Gunsten der fürstlichen Macht stark ausgedünnt.

Mit der administrativen und wirtschaftlichen Macht, die sich nun bei ihnen bündelt, geht natürlich auch ein enormes Maß an militärischer Schlagkraft einher und so ist es kein Wunder, dass die Volksaufgebote, die in den „Bauernkriegen“ um die Wiederherstellung ihrer mittelalterlichen Rechte kämpfen, zunächst die feudalen Aufgebote von Grundherren und Klöstern hinwegfegen, um ihrerseits von den Söldnerarmeen der Fürsten aufgerieben zu werden.

Während der Wandel zum modernen Fürstenstaat zu Beginn der frühen Neuzeit für die arbeitende Bevölkerung vor allem eine Verschlechterung bedeutet, blühen Kunst und Philosophie unter der Förderung der Fürsten auf. Die Kulturepoche der Renaissance beginnt.

Während im Heiligen Römischen Reich dieser Prozess auf der Ebene der Fürstentümer stattfindet und das Reich als ganzes in feudalen Strukturen mit dem Kaiser bestenfalls als „Erstem unter Gleichen“ bleibt, bündelt sich in England und Frankreich die Macht auf den König.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s